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Beziehung der relativen Sinnenwelt auf eine Übersinnlichkeitzum Bewufstsein kommt. Damit ist dem Individualismus seineGrundlage entzogen, indem das Individuum nicht mehr alsalleiniges Ziel des menschlichen Wollens aufgefafst wird.
Eine individualistische Gesellschaftsauffassung mit einerantiutilitarischen Moraldoctrin zu verbinden, war ein Wider-spruch, über welchen Kant sich nur vermittelst des rein for-malen Charakters seines Moralprincips hinwegsetzen konnte —ein Widerspruch freilich, der in der Zeit lag. Denn nichtals Vollender, sondern vielmehr als Vorläufer einer neuenPeriode des menschlichen Denkens ist Kant anzusehen —daher selbst vielfach noch den Anschauungen der alten Zeitunterworfen. Aber schon hat sich die antiutilitarische Auf-fassung der Moral allenthalben zur Geltung gebracht — zuerstverknüpft mit reaktionären Neubelebungsversuchen der christ-lichen Religion, welche später jedoch nach Carlyle auf dieserGrundlage wieder „möglich sein", d. h. eine zeitgemäfse Formwieder annehmen wird L Mit einer solchen Entwicklung abermufs die individualistische Gesellschaftsauffassung' als unver-einbar erkannt werden, indem der Mensch sich wieder als vonaufser und über ihm stehenden Werten bedingt auffassen wird.
Noch freilich ist dieser Standpunkt auf den Kreis wenigerAuserwählter beschränkt. Aber stets war es so mit grofsenmoralischen Bewegungen, welche das wichtigste in der mensch-lichen Geschichte sind. Erst allmählich werden die Massenvon den Wellen ergriffen, die ursprünglich von einem Punkteausgehen und die Zukunft gestalten. So liegen hier — nochvielfach unbeachtet — die „organischen Keime", welche dieMasse des Schuttes, aus dem die Gesellschaft der Gegenwartbesteht, mit neuem Leben durchsetzen werden. Äufserlich
1 Vergl. Kap. IV, Abschn. 1 sowie Miscellaneous Essays I, S. 98.
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