Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
251
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wird sich das darstellen in einer Zusammenfassung der gegen-wärtig isolierten Individuen zu einem lebensvollen Neuaufbauvon Gesamtpersonen über den Einzelpersonen. Denn alleindas sociale "Wollen ist die Voraussetzung wirklich lebendersocialer Gebilde, während alles individualistische Wollen Auf-lösung derselben bedeutet.

Erst von diesem Standpunkt aus wird es verständlich,wie Carlyle die litterarische Bewegung Deutschlands als denExponenten" der Revolution bezeichnen kann. Beides sinddie grofsen Zeichen, unter denen unsere Zeit steht. Auf demGebiete der äufseren Formen herrscht die Revolution, d. h.die Zerstörung; auf dem der inneren Formen, d. h. dem desGeisteslebens, folgt dagegen auf eine Periode der Zerstörungbereits heute eine solche des Aufbaues.

Schon aus dem Vorhergehenden ergiebt sich, wie wenigCarlyle im eigentlichen Sinne ein Anhänger der Kantischenoder einer von ihr abhängigen Philosophie ist. Noch mehrerhellt dies aus seiner Stellung zu Goethe 1 . Wenn diesenein späterer Denker 2 als den Riesenbruder Kants bezeichnet,der ihm sowohl im Jahrhundert als in der Nation allein zurSeite zu stellen sei, so geht Carlyle noch weiter. Er siehtin beiden Vorläufer einer neuen positivistischen und positivenPeriode und es kommt ihm hierbei die Entfernung seinesStandortes zu Gute, von dem aus ihm Richtungen und Dingeunter einem Gesichtspunkte erscheinen, während der Näher-stehende lediglich ihre Verschiedenheiten erkennt. Wenn die

1 Über Goethes Stellung und Einflufs gegenüber den socialen Rich-tungen des Jahrhunderts vergl. F. Gregorovius, Wilhelm Meister, A. Jung,Goethes Wanderjahre, Karl Grün, Goethe vom menschlichen Standpunkt,Varnhagen von Ense, Denkwürdigkeiten Bd. I und die bei den drei erstenangeführte Litteratur.

2 Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung S. 627. Leipzig 1877.