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Menschen von Einflufs zu sein pflegen, wird dieser Vertreterunseres Geschlechtes zu der Einsicht geführt, dafs der Menschnicht in der Erkenntnis, sondern in der Thätigkeit seine Be-friedigung finde.
„Das ist der Weisheit letzter Schlufs:
„Nur der verdient die Freiheit wie das Leben,„Der täglich sie erobern mufs."
Wie Aristoteles war eben Goethe, im Gegensatz zu denmeisten seiner Zeit, der Überzeugung, dafs „das Ziel desMenschen Handeln nicht Gedanke sei". An häufigen Stellenseiner Werke spricht er das aus, so z. B. in seiner Kritikvon Diderots „Versuch über die Malerei": „Der Mensch istkein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendesWesen. Nur in Wirkung und Gegenwirkung erfreuen wiruns". Ähnlich sagt im Wilhelm Meister der Abb6, demGoethe häufig die goldenen Worte der eigenen Weltweisheitin den Mund legt: „das erste und letzte am Menschen seiThätigkeit" b Damit spricht Goethe aller spekulativen Philo-sophie, welche die absolute Wahrheit zu ergründen sich be-müht, das Todesurteil. Denn alsdann hat das ganze Gebietder Erkenntnis nur relative Bedeutung und alles Theoretisieren,welches den Dienst des Lebens verlädst, „deutet auf Mangeloder Stockung der Produktionskraft hin". Nur in der Thätig-keit findet der Mensch Glück und Frieden, wie denn Goetheräth, in Trübsal und Anfechtungen des Lebens die Pflicht zuthun, die im Augenblick am nächsten liege. Wir haben im
1 Ähnlich heifst es in Wahrheit und Dichtung: „Im Leben kommealles aufs Thun an". Ferner Gespräch mit Eckermann vom 25. Oktober1825: „Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen,wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht und sich sodann in derGrenze des Begreiflichen zu halten". Yergl. das vorhergehende und fol-gende daselbst.