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mittelst deren man, sei es durch private Mafsnahmen, sei esdurch staatlichen Eingriff, den morschen Gesellschaftsbau zuverjüngen hofft. Allen solchen Weltverbesserern gegenüberhat Carlyle immer wiederholt: um das Ganze zu reformieren,reformiere dich selbst, das ist das beste und wichtigste wasdu thun kannst; erhebe dich vom individualistischen zumsocialen Dasein; mache aus dir, wie Goethe gesagt hat, einOrgan. Mit jedem anderen Reform versuche läfst du dasÜbel selbst unberührt, du unterdrückst nur Symptome ohnedie Krankheit zu treffen. Hinter der Gröfse dieses Problemsschienen ihm alle jene Reformvorschläge weit zurückzubleiben.Sie zeugten von einer kleinlichen und mechanischen Gesell-schaftsauffassung ihrer Urheber. Welcher Verstand des Ein-zelwesens kann das Leben des über ihm stehenden Gesamt-wesens umspannen? Wie kann der Einzelne also der Ent-wicklung die Wege weisen wollen? „Nicht der IntellektEines, sondern die vereinigte Anstrengung der IntellekteAller wird die Zukunft gestalten", sagt Carlyle. Geradewenn er als Greis seine Prophezeiungen eine nach der an-dern sich erfüllen sah, wurde ihm damit immer klarer, dafsdie künftige Entwicklung weniger leicht und durchsichtig seinwerde, als die Uti Ii tarier und ihre Genossen vermeinten.Jene schwatzten viel vom Fortschritt des Menschengeschlechts,als ob es nicht „ebenso gut einen Fortschritt zum Teufel wiezum Himmel" gäbe. Sie sahen Freiheit, Frieden und Glücksich im Europa des neunzehnten Jahrhunderts etablieren.Für Carlyle waren diese Dinge nicht von dieser Welt. Ihmwar die Zukunft „nicht von Butter, sondern von Eisen".Andere „französische Revolutionen" schien die Zukunft imSchofse zu hegen mit „anderen Gerbereien für Menschenhautgleich denen zu Meudon ", wenn auch die optimistische Grund-ansicht immer wieder durchbricht.