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nun verlangt Liebe, Überwindung der Selbstsucht, Lebenfür andere. Wenn in den Beziehungen der Menschen daherwie heute die Motive der Selbstsucht überhandnehmen und diechristlichen zurücktreten, so werden für Maurice die Gesetzedes menschlichen Daseins mifsachtet, was, wenn fortgesetzt,notwendig zum Untergange der Gesellschaft führen mufs.
Zum andern verdankt Maurice seiner Abstammung auseiner Dissenterfamilie eine Freisinnigkeit gegenüber den Ver-schiedenheiten der dogmatischen Überzeugung, wie sie damalsin den Kreisen der Hochkirche selten war. Er, wie seine An-hänger, beurteilten das Christentum nicht nach der Lehrmei-nung, ja sie haben während ihres ganzen Wirkens sogar denGrundsatz festgehalten, diejenigen, welche nicht Christen seien,niemals wegen ihres Unglaubens anzugreifen oder zu schmähen.Obgleich selbst auf durchaus orthodoxem Standpunkte stehend,hielten sie doch für das wichtigste am Christentum jene Gesin-nung, welche die Welt überwindet. Zugleich war diese Welt-überwindung für sie, als echte Protestanten keine asketische,vielmehr eine Unterwerfung der Welt unter Gottes Willen.Die christlichen Socialisten waren daher Gegner der unten zuerwähnenden katholisierenden Richtung.
Seinen Standpunkt beleuchtet ein Brief des fünfundzwanzig-jährigen Maurice an seine Schwester Priscilla, der an dieMystiker anklingt. „Der Tod Christi", heilst es in demselben,„ist der thatsächliche und buchstäbliche Tod von dir und mirund des ganzen menschlichen Geschlechts, die Auslöschungunserer Selbstsucht und Individualität. — — Die Meinung,dafs wir ein Selbst haben, ist eine Lüge des Teufels. Wenner uns dies zu glauben bestimmt hat und so zu handeln, alswenn wir ein Leben aufser Christo hätten, dann verspotteter uns, indem er zeigt, dafs dieses Leben gerade der Todist. Glauben wir denn, was keine Lüge, sondern Wahrheit