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1 (1890)
Entstehung
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selbst zu lieben. In diesem Sinne bleibe ich Christ bis zumletzten Atem". Bei weitem die meisten Genossenschafterjedoch, obwohl nach englischer Auffassung derbroad church"-Richtung angehörend, stehen für den deutschen Sprachgebrauchgeradezu auf dem Boden des orthodoxen Gedankenkreises;Owenistische Aufklärung scheint, wie ich auf Grund zahl-reicher persönlicher Bekanntschaften urteile, unter den Ge-nossenschaftern ausgestorben ein Beweis mehr, wie vielwichtiger die christlichen Socialisten als jener Utopist für dieheutige Bewegung sind.

Bei aller Freiheit in den Lehrmeinungen und der Möglich-keit verschiedener Ansichten hierüber betonen die Genossen-schafter, dafs die praktische Seite des Christentums unbestreit-bar und ihnen allen gemeinsam sei. DasSonntags-Christen-tum" sei es, über welches man streite und zanke, das Christen-tum der Formen, der Kultusfragen, der Doktrinen, dieTheoriedes Christentums". Über diePraxis des Christentums", dasWochentags-Christentum", gäbe es keinen Streit, und dochsei dieses gerade das wichtige. Denn eine Religion, welchenicht in das tägliche Leben einträte, es beherrsche und um-gestalte, welche die Menschen nicht in allen Lagen und Um-ständen anders handeln lasse, als ohne dieselbe, welche ihre Ge-werbe und alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wenigerregle, als ihre inneren Beziehungen zu Gott : eine solche Re-ligion sei eitel Schein und Heucheleigut für den Sonntagund nicht für den Montag, gut zum Kirchenlieder singen undnicht für industrielle Unternehmungen. Religion ist nicht einzerbrechliches Ding, bestimmt für Frauen und Stunden derEinsamkeit; es ist ein hartes, brauchbares Ding, bestimmtfür des Lebens Arbeit, Schwierigkeiten und schrecklicheProbleme, ein Ding, das starke Männer mit sich in ihreArbeitsstätten und Fabriken, ihre Strafsen und Höfe nehmen,