— 330 -
selbst zu lieben. In diesem Sinne bleibe ich Christ bis zumletzten Atem". Bei weitem die meisten Genossenschafterjedoch, obwohl nach englischer Auffassung der „broad church"-Richtung angehörend, stehen für den deutschen Sprachgebrauchgeradezu auf dem Boden des orthodoxen Gedankenkreises;Owenistische Aufklärung scheint, wie ich auf Grund zahl-reicher persönlicher Bekanntschaften urteile, unter den Ge-nossenschaftern ausgestorben — ein Beweis mehr, wie vielwichtiger die christlichen Socialisten als jener Utopist für dieheutige Bewegung sind.
Bei aller Freiheit in den Lehrmeinungen und der Möglich-keit verschiedener Ansichten hierüber betonen die Genossen-schafter, dafs die praktische Seite des Christentums unbestreit-bar und ihnen allen gemeinsam sei. Das „Sonntags-Christen-tum" sei es, über welches man streite und zanke, das Christen-tum der Formen, der Kultusfragen, der Doktrinen, die „Theoriedes Christentums". Über die „Praxis des Christentums", das„Wochentags-Christentum", gäbe es keinen Streit, und dochsei dieses gerade das wichtige. Denn eine Religion, welchenicht in das tägliche Leben einträte, es beherrsche und um-gestalte, welche die Menschen nicht in allen Lagen und Um-ständen anders handeln lasse, als ohne dieselbe, welche ihre Ge-werbe und alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nicht wenigerregle, als ihre inneren Beziehungen zu Gott : eine solche Re-ligion sei eitel Schein und Heuchelei — „gut für den Sonntagund nicht für den Montag, gut zum Kirchenlieder singen undnicht für industrielle Unternehmungen. Religion ist nicht einzerbrechliches Ding, bestimmt für Frauen und Stunden derEinsamkeit; es ist ein hartes, brauchbares Ding, bestimmtfür des Lebens Arbeit, Schwierigkeiten und schrecklicheProbleme, ein Ding, das starke Männer mit sich in ihreArbeitsstätten und Fabriken, ihre Strafsen und Höfe nehmen,