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1 (1890)
Entstehung
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meint, es schlechterdings unmöglich gewesen sei, dafs einKind in Reinheit aufwachse. Zwar sei der Verdienst derHafenarbeiter nicht allzu gering gewesen, oft 1 £ dieWoche; die Unregelmäßigkeit der Arbeit, die tage-, ja wochen-lange Unthätigkeit und Verdienstlosigkeit hätten vielmehrverderblich gewirkt, dazu die Ausschweifungen der Ma-trosen, die, wenn sie an das Land kamen, ihren Lohn inwenigen Tagen verschleuderten. Die Schwierigkeiten, mitdenen Lowder zu kämpfen hatte, beweisen, dafs die Selbst-verwaltung in Distrikten, wie dem geschilderten, völlig ver-sagt. Die Gemeindeverwaltung stand unter dem Einflufs derGastwirte und Bordellbesitzer, die jeden Versuch Lowders,das Laster wenigstens aus der Kinder Augen zu entfernen,als Eingriff in ihre Rechte betrachteten. Ihr Arbeitshaus, indas die Annen eingesperrt wurden, war schrecklicher als einGefängnis. Als Lowder sich solchen Mifsbräuchen entgegen-setzte, wurde er Gegenstand der ärgsten Angriffe, ja Nach-stellungen. Hatte doch sein Vorgänger diese Autoritäten je-des Einspruchs entwöhnt, indem er überhaupt während siebenJahren nur einmal in seiner Kirche erschienen war, im übri-gen sein Amt durch einen unfähigen Kuraten hatte verwaltenlassen.

Einundzwanzig Jahre lang hat Lowder in dieser Umgebungein Leben christlicher Arbeit und Entsagung geführt. SeineThätigkeit war eine aufserordentlich mannigfaltige: nach undnach zog er vier jüngere Geistliche herbei, welche dieMission"mit ihm verwalteten. Die lange, priesterliche Gewandungdieser Geistlichen, die heim Gottesdienst beobachteten Ge-bräuche, die Prozessionen, welche sie mitten durch die Sitzedes Elends hindurch veranstalteten, das alles erinnerte durch-aus an die römische Kirche, welche gerade durch die Äufser-lichkeit ihrer Formen am meisten fähig ist, auf das niederste

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