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Was war diesen vornehmen, jungen Herrn an sieh ent-gegengesetzter als der durchaus nicht mehr junge, d. h. alser die Schwenkung machte, 37 Jahre alte Sohn eines jüdischenLitteraten. Seine früheren Schriften waren Zeugnis von Cy-nismus. Vergeblich hatte er sich zum radikalen Parteiführeremporzuschwingen gesucht. Nach dem, was hinter ihm lag,konnte er als eine aussichtslose Existenz gelten. Da nunerschienen unter dem Namen Disraelis zwei mystisch-roman-tische Romane: Coningsby 1844 und Sybil 1845. Leser,welche den Verfasser nicht kannten, mufsten danach in ihmeinen blutjungen, mit glühender Phantasie begabten Enthu-siasten vermuthen. Die Romane verherrlichten die Bestre-bungen Jung-Englands , welches sie für die Partei der Zu-kunft erklärten. Wie wohl mufste es nicht diesen jungenHerren thun, wenn der Verfasser „den Adel den einzigenFührer des Volkes" nannte, wenn er besonders den länd-lichen Tagelöhner aufforderte, sich der Führung „seines na-türlichen Oberherren" anzuvertrauen.
Um seinen Romanen aber den zeitgemäfsen und packen-den Aufputz zu geben, entnahm Disraeli Gedanken, zum Teilwörtlich, dem damals in weiteren Kreisen noch unbekanntenCarlyle, so dessen Angriffe gegen die Parlamentsherrschaftund ähnliches. Durch ihn wurden Carlylesche Gedanken,freilich verstümmelt und zu fremden Zwecken mifsbraucht,zuerst in weiten Kreisen bekannt, wo sie bereits indieser Form eine Bewegung hervorriefen. Thatsächlich aberwar Disraeli jener Carlyleschen Grundanschauung, dafs diemenschliche Gesellschaft nicht auf Selbstsucht, sondern aufSelbstüberwindung beruhe, so weit als möglich entgegen-gesetzt. Überhaupt lief das ganze von Disraeli entwickelteProgramm auf eine Täuschung hinaus. Wenn er sich da-gegen wandte, die Krone zum venetianischen Dogenamt her-