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absinken zu lassen, so war es ihm im Grunde doch völligfernliegend, dieselbe mit wirklicher Macht bekleiden zu wollen.In socialpolitischer Hinsicht nimmt Disraeli den Standpunktdes „Tory-Socialismus" ein. „Das Volk ist nicht stark, eskann nie stark sein. Alle seine Versuche, sich selbst zuhelfen, werden nur in Leiden und Verwirrung enden." DasVolk ist daher zur Abhängigkeit bestimmt; seine natürlichenVorgesetzten, d. h. vor allem der Adel, haben in väterlicherWeise für dasselbe zu sorgen, und in diesem Sinne war es,dafs Disraeli das Wohl der Massen als die Hauptaufgabe desStaatsmannes erklärte. Wie wenig er glaubte, dafs aus demVolke selbst etwas gutes hervorgehen könne, zeigt Disraeli dadurch, dafs er seine Leser zwar in die Kreise der Arbeiterhinabsteigen läfst, am Schlüsse jedoch für die edelsten Exem-plare dieser Gattung: Sybil und Gerard, einen altadlichenStammbaum und ein entsprechendes Vermögen auffindet.
Einen Schein von Wahrheit mochte diese Schutzgewaltder Grundbesitzer solange an sich tragen, als es denselbendarauf ankam, sich an den Fabrikanten, den „Baumwollen-lords", deren Reichtum den ihrigen in Schatten stellte, für dieAufhebung der Korngesetze zu rächen. Hieraus folgte dieerste Arbeiterschutzgesetzgebung. Als es aber später daraufankam im Interesse des Volkes die notwendige Landreformdurchzuführen, da zeigte es sich, dafs der grofsgrundbesitzendeAdel nicht weniger seine politische Macht zum Schutze dereigenen Interessen benutzte, als der von ihm des Eigennutzesangeklagte Stand der Industriellen.
Thatsächlich besafs die konservative Partei damals keinpolitisches Programm. Seitdem sie der Reformbill zugestimmthatte, seitdem sie die Macht der Krone ebensowenig mehrernsthaft wünschte als die Gegenpartei, waren die sie kennzeich-nenden Gedanken verloren gegangen. Diese Partei ohne