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neu Arbeitern den gleichen Lohn gewährte, worauf der Titeldes Werkes ausspielt. Die Folge eines solchen Vorgehenswäre, meint Ruskin, dafs die Menschen gute von schlechterArbeit unterscheiden würden und die guten Arbeiter Beschäf-tigung fänden, die schlechten aber unbeschäftigt bleiben wür-den. Dies aber sei dem heutigen System weit vorzuziehen, dasdahin wirke, schlechte Arbeiten an Stelle von guten hervor-zubringen und die Bedürfnisse der Menschen statt mit wirk-lichen Gütern, mit gefälschten, nur auf das Auge, nicht denGebrauch berechneten Scheingütern zu befriedigen. RuskinsAnsichten berühren sich mit den Forderungen der beidenhauptsächlichsten Richtungen des englischen Arbeiterstandes.Die Gewerkvereine verlangen, dafs alle Arbeit eines Ge-werbes nach einem feststehenden, entsprechend der Lage desGewerbes, zwischen Arbeiter und Arbeitgeber vereinbartenLohnsatze bezahlt werde, und gewährleisten dafür die Tüchtig-keit der Arbeit. Der Genossenschafter aber richtet seine Be-mühungen, gleichviel ob er Güter verteilt oder hervorbringt,auf den wahren Wert statt auf den ausschliefslich dem Zwischen-händler zu gute kommenden Scheinwert. Diesen Berührungs-punkten verdankt Ruskin seine grofse Volkstümlichkeit inArbeiterkreisen.
Auch in Bezug auf die Stellung des Kapitals in der Ge-sellschaft bekämpft Ruskin die individualistische Theorie. Erbegegnet sich mit der schon von Carlyle vertretenen Auf-fassung, dafs auch der Kapitalist nicht für sich und mitausschliefslicher Rücksicht auf seinen persönlichen Vorteil,sondern vielmehr für die Gesellschaft zu arbeiten berufensei. Er ist ein Organ • des gesellschaftlichen Organismus;seine Funktion entspricht der Nahrungszufuhr im Einzelorga-nismus. „Es ist nicht in höherem Mafse die Aufgabe desKaufmanns Gewinn zu machen, als es die des Lehrers ist,