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des Überganges" lebe und eine endgültige Lösung noch nichtgefunden sei.
In ähnlicher Weise schien es Toynbee das wichtigsteProblem der Zeit, von dessen Lösung in letzter Linie alleandern Probleme abhingen, wie er in einer Adresse an dieArbeiter sagt, „die Form des Christentums zu finden, die inÜbereinstimmung mit Fortschritt, Freiheit und Wissen sei".„Die Zeit wird kommen", schreibt er an anderer Stelle, „dawir es nicht mehr notwendig halten werden, mit denen über-einzustimmen, welche sagen, dafs das Christentum steht undfällt mit dem Glauben an die Auferstehung, ebensowenig wiees uns heute einfällt mit dem Heil. Bernhard zu sagen, dafser steht und fällt mit dem Glauben an die unbefleckte Em-pfängnis". Trotzdem, meint Toynbee, werde ein solcher Pro-zefs das Christentum nicht aufheben; im Gegenteil werde es ausder Kritik des Verstandes um so reiner ans Licht treten. „Wiejede grofse intellektuelle Bewegung", schreibt er, „am Endeden sittlichen Charakter des Menschen erhöht und veredelthat durch die Reinigung seines Glaubens, so wird auch diesergrofse Begriff (des Naturgesetzes) uns den Glauben an Gottund die Unsterblichkeit reiner und erhabener zurücklassen,dadurch zugleich den Geist der Selbstverleugnung stärken,wie er es bereits soeben zu thun beginnt; dies läfst uns denBlick mit immer wachsender Hoffnung der Zukunft zuwenden".Toynbee scheint den Gedanken Goethes geteilt zu haben, dafsder Glaube — und zwar in zunehmendem Mafse — statt derAnfang das Ende des Wissens sei.
Für Toynbee war die Religion nicht Sache des Verstandes,sondern des Willens; sie war ihm diejenige Kraft, welcheallein die Menschen zu antiindividualistischem, d. h. wahrhaftsocialem Handeln veranlasst. Daher erklärte er sich gegenden einzigartigen Versuch des Auguste Comte (vergl. Kap. V),