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2 (1890)
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gleich tief in der menschlichen Natur eingewurzelt sind, zuversöhnen: die wissenschaftliche Forschung einerseits und dasreligiöse Bedürfnis andererseits. Diese Versöhnung bewirktder Positivismus durch Aufstellung des altruistischen Grund-satzes:Lebe für den Nächsten", welcher sein End-auspruch wie der der früheren Keligionen ist. Alles andere er-schien demgegenüber Mittel zum Zweck; Zungenreden, Weis-sagen, selbst der Glaube als Fürwahrhalten gewisser Vor-stellungen von einem Jenseits war dem Apostel nichts ohnedie Liebe, dieses letzte uud höchste Erzeugnis der Religion.Jede Religion, die dieses Namens würdig war, unternahm dieGesellschaft wie das Leben des Einzelnen dadurch zu organi-sieren, dafs sie in einer oder der anderen Form irgend eingrofses sociales Gefühl zur Richtschnur erhob. Für die Judendes alten Testaments war es die Unterwerfung unter denStammesgott und die von ihnen eingesetzte Theokratie, fürdie älteren Griechen Hingabe an ihre Stadt und Stadtgott-heit. Unter Ausdehnung des GottesbegrifFes hat sieh derKreis immer mehr erweitert, sodafs gegenüber dem Christen-tum der Positivismus kaum etwas neues sagt, wenn er dasLebe für den Nächsten" dahin auslegt:Lebe für dieFamilie, das Vaterland, die Menschheit." Es sinddies die drei Kreise, durch welche der Mensch in seiner Ent-wicklung hindurchgegangen ist, und von denen immer der vor-hergehende, weil er noch mehr egoistische Triebe in Bewe-gung setzt, als Erziehung für den nachfolgenden zu betrachtenist. Der gemeinsame Feind aller Religionen ist demgegen-über der Individualismus, welcher in der Gegenwart, nach-dem das Christentum für viele machtlos geworden ist, wiederfast ungebändigt herrscht; daher dieMifsachtung der Familie,des Vaterlandes, der Menschheit. Werden doch diese Wortevielfach nur noch zur Verhüllung selbstsüchtiger Ziele benutzt