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2 (1890)
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werden. Hier liegt das tiefste Übel, an dem die Gegenwartleidet; es zu beseitigen, ist nicht das Gesetz, sondern alleindie Religion berufen.

Es erhebt sich die Frage: was bringt der Positivismusneues, wenn der Altruismus von allen Religionen gepredigtworden ist. Trotzdem, sagen die Positivisten, sei ihre Lehreetwas durchaus neues; ja ihr Erscheinen eröffne einen Abschnittin der Geschichte der Menschheit. Alle Religionen nämlichmufsten bisher, um ihren Endzweck zu ^erreichen und den In-dividualismus zu besiegen, übernatürliche Hülfsmittel aufbieten.Von der frühesten Form eines kindlichen Fetischismus bis zuder letzten, dem Monotheismus, war es der Glaube an über-sinnliche Wesen allein, durch welcher jener Sieg erfochtenwerden konnte. Auch war das unentwickelte Denken desMenschen mit diesem Glauben wohl vereinbar; später aberkonnte es freiwillig eine übernatürliche Beeinflufsung des vomNaturgesetz beherrschten Diesseits nicht mehr annehmen. DieFolge war, dafs das Denken gefesselt wurde:der Verstandwurde zum Sklaven." Es war dies zu jener Zeit eine Not-wendigkeit; denn es handelte sich um weit bedeutendereGüter. Das menschliche Denken eben war noch nicht im-stande, Selbstaufopferung und Hingabe für das Wohl andererohne übernatürliche Hülfsmittel verstandesgemäfs zu begrün-den. Dies zeigt sich deutlich darin, dafs bisher alle, welchesich vom Glauben an das Übernatürliche befreit hatten undlediglich auf Grund der Erfahrung urteilten, eine utilitarischeMoralauffassung vertraten. Die entgegengesetzte altruistischekonnte allein bestehen auf Grund der Religionen oder theo-logisch beeinflufster Philosophien. Daher waren die letzterenallein social positiv, während jene trotz ihres Ausspruchs aufwissenschaftlichen Positivismus social negativ wirkten.

Hierin ist heute eine Veränderung eingetreten: das