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2 (1890)
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menschliche Denken hat in seiner Entwicklung einen Punkterreicht, von dem aus die Unterordnung der Selbstsucht unterdie Selbstaufopferung, die bisher schlechterdings unverständ-lich erschien, als Naturgesetz bewiesen wird. Es tritt dieseMöglichkeit ein mit dem Erscheinen einer neuen Wissen-schaft: der Sociologie. Dieselbe überträgt die positiveDenkweise, welche bisher in den früher ausgebildeten Wissen-schaften geherrscht hat, z. B. der Physik, der Biologie u. s. w.,auf die Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft, die bis-her lediglich theologischen oder metaphysischen Erklärungenzugänglich schienen. Comte gewinnt damit in den Augen sei-ner Anhänger die Bedeutung eines Religionsstifters. Dadurch,dafs er die Sociologie positiv machte, wurde es zum erstenmalmöglich, die Selbstsucht der Liebe unterzuordnen, d.h. reli-giös zu leben, ohne theologische oder metaphysische Annahme.Nennt sich der Positivismus eine Religion, d. h. eine Orga-nisierung des menschlichen Daseins durch Unterordnung des-selben unter einen aufser ihm befindlichen Zweck, so ist ereine Religion ohne Gott . Er verheifst diereconstruetionsans dien", sowohl die Reform des Einzelnen wie der Gesell-schaft auf Grund der erfahrungsgemäfsen Wissenschaft,dieGründung einer allgemeinen Religion auf die wahre Philo-sophie, welche sich aus der thatsächlichen Wissenschaft er-giebt".

Indem wir sogleich sehen, in welcher Weise dies ge-schieht, ist zunächst einem Mifsverständnis abzuwehren. DiePositivisten weisen jede Verwechslung ihrer Ansichten mitdenen des Materialismus zurück 1 . Im Gegenteil, wenn dieWahl allein wäre zwischen dem theologischen Glauben einer-

1 Vergl. Comte, General view of positivism, translated by BridgesS. 49 ff.