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seits und dem heute vielfach verbreiteten materialistischenAtheismus andererseits, so sei der erstere weit vorzuziehen.Er sei dem letzteren in doppelter Hinsicht überlegen: 1. mo-ralisch. Der materialistische Atheismus der Gegenwart führenotwendig zu utilitarischer Moral, die theologische Annahme da-gegen möglicherweise zu altruistischer. Der Atheismus entfefsleden Individualismus und bewirke so Verlängerung der Periode derDevolution, in welcher sich die Gegenwart befinde. 2. verstan-desgemäfs. Denn wenn man darauf bestehe, eine Ursache fürdie Welt der sinnlichen Erscheinungen aufzunehmen, so sei esweit annehmbarer, dieselbe in einem vernünftigen Willen zufinden, den man sich doch vorstellen könne, als in unvor-stellbaren Wesenheiten, z. B. der Materie. Die Annahmeeines schaffenden und erhaltenden Gottes sei die einzige,welche den Verstand befriedige, so lange derselbe die Fragenach der Ursache nicht ganz aufgebe und die Fragestellungselbst als verkehrt anerkenne.
Der Positivismus unterscheidet sich von beiden Anschauun-gen dadurch, dafs er nicht Warum? sondern Wie? fragt, indemer lediglich Thatsachen feststellt, wie es diejenigen Wissen-schaften, welche zuerst die positive Periode erreicht hatten,z. B. die Physik, die Astronomie seit lange thaten. Dabeiist er sich bewufst, dafs diese Thatsachen nur subjektivesDasein haben, und giebt das Suchen nach objektiver Wahr-heit nicht nur als vergeblich, sondern als nutzlos auf. Weitentfernt, den theologischen Glauben mit Vernunftgründen zuwiderlegen, sieht er ihn dadurch aufgehoben, dafs er seinen Ein-flufs auf die Gesellschaft und den Einzelnen mehr und mehr ein-büfst. Befindet sich zu ihm der Positivismus in einem Zustande„gesunden Wettbewerbes", so hat er von dem modernen Ma-terialismus nichts als unfruchtbaren Widerstand zu erwarten;denn derselbe verursache „eine Gemütsstimmung, welche weit
v. Schulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 2