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2 (1890)
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ungünstiger für den organischen Geist des Positivismus ist,als einfaches Anhangen an den alten Formen des Glaubens."

Wie nun entspricht der Positivismus seinem Anspruch,beweisbare Religion (foi demontrable) zu sein? Es ergiebtsicli dies aus seiner entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung.Da kein Wollen, also kein Handeln ohne Vorstellung einesgewollten Gegenstandes erfolgt, so ist die gesamte mensch-liche Geschichte abhängig von der Entwicklung der Vorstel-lungswelt ; ein Überblick über die eine ist zugleich ein Über-blick über die andere. So z. B. ist die Liebe zu Gott oderdie Furcht vor Gott ein wichtiger Beweggrund für das Han-deln der Menschen, also ein bedeutsamer geschichtlicher Faktorgewesen; aber der Mensch mufste einen Gott vorstellen, be-vor er ihn lieben oder fürchten konnte. Wenn es daher ge-lingt, ein Gesetz für die Entwicklung der menschlichen Vor-stellungen zu entdecken, so ist dieses zugleich ein Gesetz dermenschlichen Geschichte überhaupt. Comte spricht nun diesesGesetz darin aus, dafs jede einzelne Vorstellung wie die ge-samte Vorstellungswelt drei Stufen durchmache, erst theo-logisch, dann metaphysisch, dann positiv sei.

Wir müssen prüfen, welchen Sinn Comte mit dieserAufstellung verbindet, da sie die Grundlage seiner Gedanken-welt bildet. Für den menschlichen Geist seien zwei Wegemöglich, die Welt aufzufassen. Entweder könne er vondem eigenen Selbst ausgehen und nach dessen Analogiedie Welt beurteilen, oder er könne ohne diese Analogiedie Erscheinungen einfach beobachten und nach Gewinnungihrer Gesetze diese auf die Beurteilung des Subjektesanwenden. Für den Menschen in der Kindheit des Er-kennens sei nur der erstere Weg möglich gewesen. DieWelt sei in jener Periode dem Menschen vollständig unter-geordnet, indem dieser sich als Mittelpunkt des Ganzen be-