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bisher unerreichte, nach Cointe im elften bis dreizehntenJahrhundert ihren Höhepunkt findende Gesellschaft auf, bisheute das „Meisterwerk menschlicher Weisheit". Innerlichfreilich befand sich die theologische Denkweise zur Zeit desMonotheismus bereits im Verfall, während sie äufserlich ihr„edelstes Werk" errichtete. Es zeigt sich dies z. B. darin,dafs sie für das gewöhnliche Leben bereits die Annahme vonWundern und Prophezeiungen verwehrt — eine Lage desÜbergangs, welche, wie Comte sagt, in der politischen Weltder Einrichtung der konstitutionellen Monarchie entspricht 1 .Dieses Zurückweichen der theologischen Erklärungsweise zeigtsich auch anderwärts: noch betet man vielleicht um Verän-derung des Wetters, sicher um Sinnesänderung der Menschenund Eingriffe auf gesellschaftlichem Gebiet, während man esbereits ungereimt finden würde, um Nichtbestätigung der ge-wöhnlichsten astronomischen Gesetze, z. B. Stillstand derSonne oder des Mondes, Verkürzung oder Verlängerung derNacht und des Tages zu beten.
Es giebt unter allen nicht christlichen Riehtungen derneueren Aufklärung keine, welche das Christentum so hochstellt wie der Positivismus. Nichts sei jenem bisher zu ver-gleichen gewesen; ja, die sittlichen Ideen des Christentumswie seine im Mittelalter versuchte, wenn auch nur halb voll-endete gesellschaftliche Organisation, heute im Verfall, werdennach Ansicht der Positivisten alsdann wieder aufleben, wenndie Menschheit aus der heutigen negativen Periode wieder ineine positive gelangt sein wird. Sein gröfster Vorzug war es,die altruistische Sittlichkeit zum ersten Male rein ausgesprochenund das „Lebe für andere" an die Stelle des „Lebe für dichselbst" gesetzt zu haben. Auch ist das Christentum zuerst
1 Vergl. Philosophie positive IV, S. 701.