Druckschrift 
2 (1890)
Seite
23
Einzelbild herunterladen
 

28

eine wahrhaft katholische Religion gewesen, welche die Mensch-heit zu umspannen wenigstens forderte. Der Familie unddem Staat hat es den weit erhabeneren Gegenstand derChristenheit, ja der Menschheit übergeordnet 1 . Das gröfsteauf socialem Gebiete war die von ihm herbeigeführte Tren-nung der geistlichen von der weltlichen Gewalt; damit wurdewenigstens als Forderung angedeutet, dafs die Politik derMoral unterzuordnen sei. In den besten Zeiten des Alter-tums war zwar das Privatleben der Vaterlandsliebe unter-geordnet, in der Politik des Staates dagegen waren noch aus-schliefslich Interessen mafsgebend.

Aber das System des Mittelalters beruhte auf einemintellektuellen Kompromifs, welcher nur zeitweilig sein konnte.Der menschliche Geist, während mehrerer Jahrhunderte mitder gedankenmäfsigen wie gesellschaftlichen Entwicklung desMonotheismus beschäftigt, begann seit dem vierzehnten Jahr-hundert wieder auf dem Gebiete der einzelnen Wissenschaftenneue positive Kenntnisse zu gewinnen und in der allgemeinenWeltanschauung der Theologie metaphysische Begriffe ent-gegenzusetzen. Seine Kritik im vierzehnten und fünfzehntenJahrhundert ist unsystematisch und unbewufst. Sodann er-folgt die bewufste und systematische Kritik. Dieselbe istnoch zuerst beschränkt durch die christlichen Urkunden (Pro-testantismus ) , sodann durch einen allgemeinen Gottesglauben(Deismus ). Endlich als unbeschränkte führt sie, da man dasSuchen nach Ursachen noch nicht aufgiebt, zum materialistischenAtheismus der Gegenwart. Alle drei Stadien sind nach An-sicht der Positivisten Sehritte der Auflösung. Auch auf po-litischen Gebiete wirken sie auflösend, obgleich zwar im An-

1 Catechisme du Positivisme, 1852.Die socialen Gefühle sindzuerst häuslich, dann bürgerlich, zuletzt allgemein", S. 388.