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wenn wir die Biologie noch soweit fortgeschritten denken,wäre dennoch ein solcher Versuch aussichtslos. Der Menschnämlich wird mehr und mehr ein Erzeugnis der Gesellschaft.Seine Handlungen werden weniger durch die einfachen undüberall gleichen Neigungen der Menschennatur bestimmt alsdurch den Einflufs, welchen durch überkommene Einrichtun-gen, Sitten, Gewohnheiten u. s. w. die vergangenen Geschlech-ter über das gegenwärtige ausüben. „Die Lebenden werdenmehr und mehr von den Toten beherrscht."
Demgegenüber ist bei den gesellschaftlichen Erscheinungennoch mehr als bei denen der Biologie das Ganze bekannterals seine Teile. Während auf die Handlungen der einzelnenMenschen die gesamte Geschichte dös Menschengeschlechts,die verschiedenen Faktoren in verschiedenster Weise ein-wirkt, ist diese Geschichte selbst in ihren grofsen Zügen be-kannt. Wenn nicht die Untersuchung dieser grofsen Entwick-lung die Gesetze der Gesellschaft gewährt, so ist die Hoff-nung, dieselben aufzufinden, vergeblich. Sollte man dagegenimstande sein, der Betrachtung der Geschichte Gesetze (d. h.bestimmte, regelmäfsig wiederkehrende Keihenfolgen) zu ent-nehmen, so würden alsdann unsere Kenntnisse von der Naturdes menschlichen Einzelwesens von Wert sein, um jene Ge-setze zu bewahrheiten. Nur insofern letztere mit den De-duktionen aus der Biologie übereinstimmten, könnten sie denBang von Gesetzen im Sinne des Positivismus einnehmen.
Nach der Aufstellung Comtes, welche mit der Methodeder damaligen Nationalökonomie im schärfsten Widerspruchestand, hat man bei Studien socialer Erscheinungen vom Ganzen(Ensemble) auszugehen, und kann Einzelheiten aber nur dannmit Erfolg untersuchen, wenn man ihren Zusammenhang mitden gröfseren Erscheinungen und in letzter Linie dem Ganzenim Auge behält, d. h. sie geschichtlich auffafst. Dies besagt