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2 (1890)
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mehr hat die Entwicklung den Menschen dazu erzogen, sichdem Ganzen unterzuordnen, zuerst die theologische Entwick-lung, für welche das Ganze noch beschränkter Natur war,sodann die beginnende positive Entwicklung, welche dieMenschheit als letztes und höchstes Ganze erfafst. Zwischenbeiden liegt die Periode des Übergangs, gekennzeichnet durchden Individualismus und die Metaphysik. Während die theo-logische Denkweise die Unterordnung des Einzelnen aber nurunvollkommen bewirkte, beweist die positive Wissenschaft,dai'sExistenz im vollen Sinne des Wortes überhaupt nurvon der Menschheit ausgesagt, dagegen von dem Menschenals Individuum eigentlich nicht gesagt werden kann, dafs erexistiere 1 " ebensowenig wie von dem Organ eines leben-den Körpers. Dieser Gedanke ist nicht neu, aber erst heutezu wissenschaftlicher Klarheit erhoben. Bereits Pascal hatgesagt:die ganze Reihenfolge der Menschen während desLaufes so vieler Jahrhunderte sollte als ein Mensch be-trachtet werden, welcher immer lebt und fortwährend lernt 2 ".Die Wissenschaft zeigt heute ferner, dafs das Dasein desEinzelmenschen zu nichts anderem dient, als zur Erhaltungdes Gesamtwesens, welches die Attribute des Lebens inhöherem Mafse als irgend ein anderer Organismus besitzt.Dieses Bewufstsein hat zwar das Christentum bereits imMenschen erweckt; es erfüllt Thomas a Kempis , wenn erbetet, dal's er Gott mehr lieben möge als sich, und sich nurum Gottes willen. Aber so lange man das allumfassende,dem Einzeldasein übergeordnete Ganze als jenseitig annahm,mufste jeder Fortschritt der Wissenschaft, in dem er jenenGlauben erschütterte, zugleich dem Individualismus mehr und

1 Comte, General- View of Positivism S. 354. London 1865.

2 Pascal, Pensees I, 1.