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2 (1890)
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zu fördern. Vor allem nicht Unterdrückung des Familien-und Vaterlandsgefühls, sondern Fortentwicklung derselben imDienste der Menschheit.

Aber die Unterordnung des Individualismus unter denAltruismus betrifft nicht nur das Gebiet des Gefühls. Altrui-stisches Fühlen treibt unmittelbar zum altruistischen Han-deln; damit das letztere aber möglich sei, müssen zuvordie Gesetze, welchen die Menschheit unterworfen ist, be-kannt sein. Diese Gesetze aber bilden den Inhalt sämt-licher AVissenschaften. Der Altruismus ergreift daher das Ge-biet der Erkenntnis. Eine altruistische Wissenschaft ist einesolche, welche den Zweck des Gesamtdaseins zum Hinter-grunde hat und in Hinblick auf dieses, die Analyse der Syn-these unterordnet. Sie ist so der erste Schritt im Dienstedesgrofsen Wesens", wie Comte die Menschheit nennt, in-dem sie seine Natur- und Lebensbedingungen enthüllt Vor-bedingung für jedes Handeln.

Sodann aber hat der Mensch auch bei jedweder Thätigkeitsich nicht als ein für seinen Vorteil arbeitendes Individuum zubetrachten; vielmehr soll er sich bewufst sein, dafs er eineFunktion des Ganzen verrichtet. Eine Thätigkeit in solchemSinne ist Arbeit. Ihr sogenannter Lohn, wie beschaffen erimmer sei, ist nicht als ein Entgelt anzusehen; jede wahreArbeit hat einen Wert, welcher schlechterdings unbezahlbarist. ATelmehr ist der sogenannte Lohn nur eine von derGesellschaft mehr oder minder vollkommen getroffene Ver-anstaltung, um das Individuum im Stande zu erhalten, seineArbeit fortzusetzen. Freilich ist diese Auffassung heute an-gesichts des herrschenden Individualismus wenig verbreitet.Erst der Positivismus wird ihr Kraft geben 1 .

1 Die gleiche Auffassung der Arbeit findet sich bei Carlyle. Vergl.oben S. 129.