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2 (1890)
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delns bilden soll, mit all der Erhabenheit auszustatten, derener fähig ist. Langsam nur mit der Entwicklung des mensch-lichen Geistes ist die Auffassung der Menschheit als einer or-ganischen Einheit möglich geworden. In älteren Zeiten wärediese Vorstellung unvereinbar gewesen mit dem theologischenGeiste und dem militärischen Charakter der Gesellschaft,welcher die Sklaverei der produzierenden Klassen notwendigmachte. Das Gefühl des Patriotismus, beschränkt wie es zu-erst war, war aber doch ein Vorspiel des kommenden Dienstesder Menschheit; es wurde überholt.durch das Gefühl der all-gemeinen Brüderlichkeit, welche das Christentum lehrte. Aberdie intellektuelle Haltlosigkeit des christlichen Glaubens, so-wie der militärische und aristokratische Charakter der mittel-alterlichen Gesellschaft machten eine Verwirklichung dieses er-habenen Gedankens damals unmöglich, welcher im grofsen For-derung blieb, aber doch zur Abschaffung der Sklaverei führte.Der Fortsehritt des Denkens zerbrach mehr und mehr die in-tellektuellen Grundlagen der christlichen Brüderlichkeit wie derübrigen socialen Gefühle, bis gerade, als damit das Dasein derGesellschaft selbst in Frage gestellt schien, die positive Wissen-schaft ihren höchsten Gedanken erreichte in der Erfassungder Menschheit alsdes grofsen Wesens", dem alles übrigeunterzuordnen sei. Dasgrofse Wesen" derReligion derMenschheit" ist nicht absolut und unveränderlich. Wie diemenschliche Natur überhaupt, ist es relativ, in hohem Gradedes Wachstums und der Vervollkommnung fähig. Als dashöchste lebende Wesen zeigt es die gegenseitige Abhängigkeitder Teile im vollkommensten Mafse. Die menschlichen Ein-zelwesen, welche es zusammensetzen, werden mehr und mehrvereinigt durch altruistische Gefühle in einer oder der andernForm. Liebe durchdringt und hält es. Daher sagt Comte,dafs man als jenem grofsem Dasein zugehörig, auf seine Ent-