Druckschrift 
2 (1890)
Seite
46
Einzelbild herunterladen
 

46

werden. Ist die Auffassung der Menschheit als eines Gesamt-organismus, welcher dem Einzelnen die Stellung des Organszuweist, wirklich ein Begriff der positiven Wissenschaft, soist anzunehmen, dafs sich die Anerkennung desselben ingleicher Weise Boden verschaffen wird, wie z. B. die gleich-falls einst alle Hemmnisse überwindende Vorstellung des Ko-pernikanischen Sonnensystems. Die Divergenz der Ansichten,wie sie die Gegenwart aufweist, wird damit verschwindenund die öffentliche Meinung wieder die Einheit gewinnen,welche sich aus einer allgemein angenommenen Weltan-schauung ergiebt und vorübergehend während der Blütezeitdes christlichen Glaubens für das Abendland erreicht war.Wie es in der Astronomie, der Physik u. s. w. keine Ge-wissensfreiheit gäbe, d. h. jeder Mensch die von den Sach-kundigen aufgestellten Grundsätze vertrauensvoll annähme, sowerde, meint der Positivismus, dies später für Politik undMoral nicht anders sein. Die Meinungsverschiedenheiten aufletzteren Gebieten rührten nur daher, dafs die älteren auftheologischer Grundlage ruhenden Meinungen im verschwindenbegriffen seien und von der Vielgestaltigkeit der metaphy-sischen Übergangsperiode überwuchert würden.

Jene Einheitlichkeit erreicht die öffentliche Meinung alsodadurch, dafs die Kenntnis der positiven Wissenschaften sichmehr und mehr ausbreitet. Die Erziehung hat zwar in letzterLinie den sittlichen Zweck: Unterordnung der natürlichenSelbstsucht unter die gesellschaftliche Liebe. Aber Ausbreitungder Wissenschaft mit ihrem Schlufsstein, dem Begriff derMenschheit, ist nach Ansicht der Positivisten heute hierzu daswichtigste Mittel. In dem zukünftigen Gesellschaftszustandewird die Erziehung aller Klassen die gleiche sein. In derThat scheint die Ausgleichung der Erziehungsunterschiede