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2 (1890)
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II.

Der Positivismus als politische Richtung.

Nach Ansicht der Positivisten befindet sieh die heutigeGesellschaft in einem Zustande des Überganges, welcher sichin Auflösung und Anarchie bemerkbar macht. Der Grunddavon ist, dafs die Entwicklung des westlichen Europas un-gleichmäfsig fortschreitet, sodafs die drei Arten des Denkens:die theologische, die metaphysische und die positive unver-mittelt neben einander stehen und die Einen von diesem,die Andern von jenem Boden aus argumentieren, was gegen-seitiges Verständnis unmöglich macht. Diese führen die ge-sellschaftlichen Einrichtungen auf göttlichen Ursprung zurück,jene auf metaphysische Vorstellungen, wie Volkssouveränität ,Menschenrechte u. s. w., während die Positivisten sie auf ihreÜbereinstimmung mit den die Entwicklung der Menschheitbeherrschenden Gesetzen prüfen. In den Lücken aber zwischenden drei Parteien dehnt sich immer weiter die Masse derMeinungslosen, welche nichts als das eigene Selbst anerkennenund ihre Selbstsucht im Kampf mit der ganzen Welt zu be-friedigen suchen. Daneben befehden auch jene Parteien ein-ander auf den Tod, unfähig sich zu dem Begriffe der relativenBerechtigung zu erheben; dieser Kampf wird dadurch vermehrt,dafs sie fortwährend sich in feindliche Unterparteien spalten.Eine Ausnahme hiervon allein glauben die Positivisten zu machen.Innere Zwistigkeiten finden nach Comte unter ihnen um des-willen keinen Boden, weil ihre Meinungen die ruhige undfeste Überzeugung besitzen, welche für das Gebiet der äufserenNatur Männer wie Kepler, Newton u. s. w. begründet haben,von deren Aufstellungen abzuweichen nur dem Unvernünftigeneinfallen könnte. Des weiteren aber bewirkt ihre Einsicht