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2 (1890)
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Urteil über die Gesellschaft der Gegenwart zusammenfassend 1 ,ist nur das äufsere und sichtbare Schwinden der letztenReste der Religion, welche einst Europa zusammengehaltenhatte, wie die Reformation das äufsere und sichtbare Schwin-den des alten, katholischen Systems des dreizehnten Jahr-hunderts war. Die Reformation mit ihrem religiösen undpolitischen Kompromifs bot eine zeitweilige Grundlage derOrdnung. Nun ist dies zu Ende. Europa mit einer unge-heuren Bevölkerung, ungeahnten Hiilfsmitteln befindet sichmoralisch in einem Zustande, wie die römische Welt desspäteren Kaiserreichs, als die alte Religion offenbar aufgehörthatte zu herrschen und zu vereinigen und die Leiden derGesellschaft nach einer neuen Religion riefen. Wir könnenuns heute zurückversetzen in die Zeit des heiligen Augustinus,als dieser auf den ihn umgebenden, schwer gefährdeten Zu-stand der bestehenden politischen Mächte, die geistige Ver-derbnis, die sittliche Lähmung, die Unfähigkeit der altenGötter blickte und Hoffnung nur in einer neuen Religion, ineinem Staate sah, der nicht von Menschen, sondern von Gott gemacht sei".

III. Einer gleichen Hoffnung sind sich die Positivistenbewufst. Weit entfernt am bestehenden zu verzweifeln,erblicken sie überall Anzeichen dafür, dafs die Mensch-heit dempositivistischen Gesellschaftszustande" sich nähere.Auch diesmal wird die neue Religion nicht unter den Be-sitzenden zuerst ihre Anhänger finden, vielmehr sind es wiederdie Besitzlosen, die Arbeiter, insbesondere die denkendenund fortgeschrittenen unter denselben, welche der positi-vistischen Denkweise am nächsten stehen. Darin zwar gleichensie einem grofsen Teile der Mittelklassen, dafs auch auf sie

1 Vergl. The Centenary of the Revolution S. 18. Reeves & Turner. 1889.