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Der Positivismus ist dagegen nach seiner Natur grund-sätzlich friedlich. Seine Lehre besänftigt die Gegensätzedes Klassenhasses. Denn die bestehende Ordnung, wie ver-besserungsbedürftig sie sei, ist ihm zunächst eine der wissen-schaftlichen Beobachtung unterworfene Thatsache, auf welcheer seine Vorliebe für wissenschaftliche Thatsachen überhauptüberträgt. Sie ist des weiteren wohl besserungsbedürftig,aber gewifs nicht völlig schlecht, denn sie ist das Endergebnisaller edlen und grofsen Thaten der Vorfahren. Hat es dochnicht an solchen gefehlt, die den Positivismus um deswillenrückschrittlicher Neigung beschuldigten. Dies freilich ganz mitUnrecht: die bestehende Ordnung ist eine Thatsache, dienicht etwa der Einwirkung des Menschen entzogen, vielmehrvon ihm, sofern er nur die Gesetze, unter denen sie steht,erkannt hat, in weitem Mafse zu beeinflussen ist. Was derPositivismus behauptet, ist nur, dafs diese Beeinflussung alleininnerhalb bestimmter Grenzen vor sich gehen könne, welchedie natürlichen Gesetze vorschrieben. Wie niemand z. B.die Gesellschaft der Herrschaft der astronomischen Gesetzeoder dem Gesetze der Schwerkraft entziehen könne, so auchnicht den für das sociale Ganze eigentümlich geltenden Ge-setzen. Aus letzteren folge, dafs Fortschritt aber nur aufGrund und als Entwicklung der Ordnung möglich sei, dafseine Zerstörung der bestehenden Ordnung auch den Fort-schritt unmöglich mache, ganz ebenso wie die physiologischenFunktionen von den anatomischen Zuständen abhingen.
Daraus, dafs der Socialismus diese wissenschaftlichen That-sachen verkenne, folgen nach Ansicht des Positivismus zweiweitere Fehler. Einmal mangele er des geschichtlichen Sinnesund unterschätze die Wichtigkeit der Erbschaft, welche voneinem Geschlecht dem andern überliefert werde. Sodann aberbegehe er den weiteren Fehler, die Freiheit des Individuums
v. Scliulze-Gaevernitz, Zum soc. Frieden. II. 5