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Wachsen der Bedeutung und Anhängerzahl des Positivismus.In vielen Fragen ist er, wie gezeigt, der öffentlichen Meinungvorangegangen. Weithin hat er seinen Einflufs geltend ge-macht. Um den Positivismus zu beurteilen, und zugleich denungeheueren Umschwung des Denkens zu ermessen, welchenwir im vorliegenden Werke darstellen, bedenke man, dafs derPositivismus an Stelle des früheren benthamistischen Radika-lismus tritt. Derselbe war materialistisch in seiner Weltan-schauung, Militärisch in seiner Moral, „kompetitionistisch",d. h. das Laissez-faire vertretend, in seiner Politik. Dieneuere Richtung des Radikalismus ist dagegen positivistisch,altiuistisch, social. Als Unterschiede vom Standpunkt derpraktischen Politik sind hervorzuheben: 1. Verteidigung derEhe und des Familienlebens, Betonung der Unterschiededer Geschlechter, Verlangen nach Beschränkung der Frauen-arbeit. 2. Strengste Nichteinmischungspolitik, ihre Anwen-dung auf Irland und koloniale Fragen; Verlangen nachDecentralisation. 3. Forderung des staatlichen Eingriffs aufsocialem Gebiet, ohne andererseits den socialistischen Irrtumzu teilen, dafs hierdurch mehr als nebensächliches geleistetwerden könne. 4. Betrachtung aller politischen Fragen we-niger vom Standpunkt des Kapitals als der Arbeit, Anerken-nung der Gewerkvereine und Beeinflussung der öffentlichenMeinung zu Gunsten der Arbeiter. 5. Bekämpfung aller Um-sturzideen als unpraktisch und unwissenschaftlich. Diese Ver-bindung eines durchaus radikalen mit einem völlig friedlichenCharakter ist an dem Positivismus von socialem Standpunktaus besonders bedeutsam.
Nur derjenige wird seine Zeit verstehen und auf siewirken, welcher ihre Strömungen, die befreundeten wie diegegnerischen, kennt; insbesondere aber diejenigen, welche,wenn schon heute wichtig, der Entwicklung voranzuschreiten