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der Erscheinungen auf Stoff und Bewegung zurückführt, so ist er dochweit entfernt, diese beiden Grundlagen, in die alle Erscheinung auf-lösbar ist, für Realitäten zu halten, wie der Materialismus es thut. Derletztere ist nichts als ein Rückfall in die frühere, metaphysische Denk-weise, welche aus dem Gebiet der Erscheinung hinaus auf das der Rea-lität sich schwingen zu können meinte. Für Spencer ist in Überein-stimmung mit Sir William Hamilton und der gesamten deutschen Philo-sophie die ganze Welt der Erscheinung etwas rein relatives. Die ge-samte Wissenschaft führt zuletzt auf unbegreifliches zurück. Raum, Zeit,Stoff, Bewegung, Empfindung, Bewufstsein: alles enthält unlösbare Rätsel,ein Merkmal dafür, dafs die Welt der Erscheinungen rein relativ ist.Die Begründung dieser Thatsachen vom entwicklungsgeschichtlichen Stand-punkt ist einfach: der menschliche Intellekt, ebenso wie jedes andereOrgan des Körpers, ist in der Not des Lebens und zu praktischenZwecken, nicht zu theoretischer Weltbetrachtung entwickelt. Es ist nachSpencer ein passendes Bild, dafs, jemehr sich der Kreis unserer Kennt-nisse ausdehnt, desto mehr seine Peripherie mit dem Unbegreiflichen inBerührung kommt. Alles, was wir wissen, ist
— „won from the void and formless infinite."eine Vorstellung, welche sich in ähnlichen Worten bei Carlyle wiederfindet.„Unsere Kenntnis, sei es vom Subjekte oder vom Objekte", sagt Sir W.Hamilton , welchem Spencer zustimmt, „ist nichts als die Kenntnis vonrelativen Äufserungen (manifestations) eines Daseins, welches selbst aufser-halb des Bereichs der Erkenntnis liegt."
Diese Endbehauptung aller Philosophie stimmt nun aber mit demGrundgedanken aller Religion überein. „In der Behauptung einer Rea-lität, welche schlechterdings unerforschbar ist, findet die Religion eineAufstellung, welche mit der ihrigen zusammenfällt; alle Religion beruhtauf dem Bewufstsein einer unbegreiflichen Macht, welche man allgegen-wärtig nennt, wegen der vollständigen Unmöglichkeit ihr Grenzen anzu-weisen". In frühen Entwicklungsstufen zwar versucht die Religion eineWelterklärung zu geben, was sie für Ungebildete stets thut; später da-gegen spricht sie ausdrücklich ihrer Welterklärung die Erkennbarkeit ab:Gott erkennen wird unmöglich erklärt, die Annahme dieser MöglichkeitGotteslästerung. Nach Spencer also geht alle Religion auf einen unerforsch-lichen Grund hinter den der Realität ermangelnden Erscheinungen zurück.Ihre zeitliche Form ist der dem zeitgenössischen Durchschnittsdenkenangemessene Ausdruck dieser Wahrheit. Als solcher sind die einzelnenReligionen „notwendige Begleiterscheinungen des menschlichen Lebens,besonders angepafst den Gesellschaften, in denen sie einheimisch sind,