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Wille des Herrn, dal's jedem das „tägliche Brot", d.h. einauskömmliches Leben gewährt sei, wie die vierte Bitte seinesGebetes beweist. Auch ist Gott heute nicht etwa anderenSinnes geworden. So wie er die Kinder Israels betrachtete,welche von den „stolzen, mächtigen, reichen Egyptern" umdie Früchte ihrer Arbeit in den Ziegeleien betrogen wurden,so blickt er heute auf die Heimatlosen und Arbeitslosen inOst-London hinab, deren Befreiung, physische und geistige,das „Reich Gottes" ist. Die ersten Christen hätten offenbar„das Reich Gottes" als sinnlich und diesseitig gedacht underst ihre Nachfolger es zu Übersinnlichem verflüchtigt.
Christus wollte die socialen Ungleichheiten beseitigen;sein Kampf, so meinen jene geistliehen Reformer, war vorallen ein „Kampf gegen die Armut", wie er darin zeigt, dafser als den natürlichen Platz des Reichen, so lang es überhauptnoch Arme giebt, die Hölle erklärt. Es beruht dies daraufdafs er im Reichtum eine Beraubung der Armen erblickte,was unbewufst, aber oft in fast denselben Worten wie diePropheten und Apostel, heute Marx und Henry George er-klären. Was sagen sie anderes als was das Christentum längstgesagt: einmal, dafs „der Mensch sechs Tage arbeiten solle"und „der, der nicht arbeiten wolle, auch nicht essen solle"sowie, dafs der, der da arbeite, in Hoffnung arbeitensolle auf Teilnahme an den Früchten der Arbeit. „Der, soda pflügt, soll in Hoffnung pflügen, und der, so da drischt,soll in Hoffnung auf einen Anteil dreschen." Das Christen-tum also verdammt das heutige System der Güterverteilung,welches „Arbeit in Hoffnung" den meisten nicht gewähre,sowie das Leben der Reichen auf Grund von Einkommenohne Arbeit. Der Socialismus sei nichts als eine neue Offen-barung des Christentums; der heilige Geist habe heute wie-der Ausdruck gefunden in jener viel verleumdeten Bewegung,