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2 (1890)
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hing.Der grofse politische Aberglaube der Gegenwart istder Glaube an das göttliche Recht der Parlamente". Dieenglische Gesetzgebung der letzten beiden Jahrzehnte ist vondiesem socialistischen Geiste erfüllt, wie er sich aber nochmehr in den vom Radikalismus verfolgten Zielen ausspricht:der staatlichen Erziehung, dem gesetzlichen Achtstundentage,der Bedrohung des Grundeigentums.

H. Spencers persönlicher Gegensatz zu dieser Entwick-lung läfst ihn nach unserer Ansicht die in ihr liegende Gefahrweit überschätzen. Seine Kritik des Zukunftsbildes der socia-listischen Gesellschaft ist durchaus zutreffend: der Einzelne seiin ihr zum Sklaven der Gesellschaft erniedrigt, eine Sklaverei,die nicht weniger drückend sein könne, als die des Privat-eigentümers; denn auch der socialistische Staat könne nurmit dem vorhandenen Menschenmaterial aufgebaut werden,Selbstsucht und Ungerechtigkeit aber müfsten dort am schwer-sten lasten, wo die Freiheit des Einzelnen am wenigsten ge-schützt sei. Die Beamtenhierarchie, die der Socialismusbrauche, sei die beste Vorbereitung des Despotismus. Unzu-treffend jedoch scheint es einen solchen, rein utopistischenZustand gegen Mafsregeln der praktischen Politik, die vonihm weit entfernt sind, ins Feld zu führen.

Vielmehr kann man in dem Socialismus, ohne an dieVerwirklichung seiner Utopie zu glauben, einen wichtigenFaktor in der Entwicklung der Gegenwart erblicken. Dafs dieFreiheit des Individuums wirklich durch ihn wieder beseitigtwerde, scheint uns undenkbar undenkbar, dafs der Staat dieMethoden des Landbaus und der Industrie, Kleidung und Speisenje wieder vorschreiben könne. Viele der Errungenschaftender Vergangenheit scheinen über die Angriffe des Socialis-mus erhaben. Die Freiheit der religiösen Überzeugung istein unveräufserlicher Besitz, ebenso die Freiheit der Meinungs-