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2 (1890)
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äufserung. Diese Güter in Frage zu stellen, wird ein fort-geschrittener Arbeiterstand, wenn er heute auch socialistisehenIdeen huldigt, nie geneigt sein; ist doch Warnung genug derEuropa benachbarte und doch von ihm so weit entfernterussische Despotismus.

Dagegen ist es nur zu natürlich, dafs die Massen, wo sie ein Werk eben des Liberalismus zur Macht gelangen,zunächst wieder Schranken zu ihrem eigenen Schutze er-richten. Denn die vom Liberalismus herbeigeführte Be-freiung des Individuums war jener innerlichen Entwicklungvorangeeilt, von welcher doch die äufsere, in Gesetzen undSitten zu Tage tretende Entwicklung nach Carlyle wie Spencerlediglich der Ausdruck ist. Noch eben befindet sich die Ge-sellschaft, auch die der fortgeschrittensten Völker, auf einerStufe, welche gewaltsame Einschränkung der selbstsüchtigenTriebe der Menschen und gezwungene Zusammenarbeit, wiesie Staatsthätigkeit im Gegensatz zur freien Privatim terneh-mung bedeutet, nicht entbehren kann. Spencer giebt dasselbst bezüglich der Gegenwart zu:Während die Gefühle undVorstellungen der Menschen derart sind, fortwährend denFrieden zu gefährden, so ist es notwendig, dafs sie einensolchen Glauben in die Autorität der Regierung besitzen, derihr die genügende Zwangsgewalt über sie für kriegerischeZwecke giebt ein Glaube, welcher ihr unvermeidlich zurselben Zeit auch Zwangsgewalt für andere Zwecke verschafft."

Dafs die Menschen für jene freiwillige Selbstbeschränkung,wie sie Sittlichkeit statt Gesetz auferlegt, und damit für frei-willige Zusammenarbeit noch nicht reif sind, bewies der Erfolgjener Aufhebung veralteter Schranken, welche die liberale Ge-setzgebung herbeigeführt hatte. Schrankenlosigkeit führte zuUnterdrückung und Ausbeutung des Schwachen, sie verursachtedamit den socialen Krieg, wie wir ihn in der Einleitung ge-