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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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man diese Frage dem Wert gegenüber beantworten. Und gerade indemsie so das formal gleiche Verhältnis zu den Dingen haben, sind sieeinander so fremd, wie bei Spinoza das Denken und die Ausdehnung:weil diese beiden ebendasselbe, die absolute Substanz, ausdrücken, jedesaber auf seine Weise und für sich vollständig, kann nie eines in dasandere übergreifen. Sie berühren sich nirgends, weil sie die Begriffe derDinge nach völlig Verschiedenem fragen. Aber mit diesem berührungs-losen Nebeneinander von Wirklichkeit und Wert ist die Welt keineswegsin eine sterile Zweiheit zerrissen, bei der sich das Einheitsbedürfnis desGeistes niemals beruhigen würde selbst wenn es sein Schicksal unddie Formel seines Suchens wäre, sich von der Vielheit zur Einheit undvon der Einheit zur Vielheit abschlufslos zu bewegen. Oberhalb vonWert und Wirklic hk eit liegt, was ihnen gemeinsam ist: die Inhalte, das,was Plato schliefslich mit den »Ideen« gemeint hat, das Bezeichenbare,Qualitative, in Begriffe zu Fassende an der Wirklichkeit und in unserenWertungen, das, was gleichmäfsig in die eine wie in die andere Ordnungeintreten kann. Unterhalb aber dieser beiden liegt das, dem sie beidegemeinsam sind: die Seele, die das eine wie das andere in ihre geheim-nisvolle Einheit aufnimmt oder aus ihr erzeugt. Die Wirklichkeit undder Wert sind gleichsam zwei verschiedene Sprachen, in denen die logischzusammenhängenden, in ideeller Einheit gültigen Inhalte der Welt, das,was man ihr »Was« genannt hat, sich der einheitlichen Seele verständ-lich machen oder auch die Sprachen, in denen die Seele das reine, ansich noch jenseits dieses Gegensatzes stehende Bild dieser Inhalte aus-drücken kann. Und vielleicht werden diese -beiden Zusammenfassungenihrer, die erkennende und die wertende, noch einmal von einer meta-physischen Einheit umfafst, für die die Sprache kein Wort hat, es seidenn in religiösen Symbolen. Vielleicht gibt es einen Weltgrund, vondem aus gesehen die Fremdheiten und Divergenzen, die wir zwischender Wirklichkeit und dem Wert empfinden, nicht mehr bestehen, wobeide Reihen sich als eine einzige enthüllen sei es, dafs diese Einheitüberhaupt von jenen Kategorien nicht berührt wird, in erhabener In-differenz über ihnen steht, sei es, dafs sie eine durchweg harmonische,an allen Punkten gleichartige Verflechtung beider bedeutet, die nur vonunserer Auffassungsweise, wie von einem fehlerhaften Sehapparat aus-einandergezogen, zu Bruchstücken und Gegenrichtungen verzerrt wird.

Den Charakter des Wertes nun, wie er sich zuvor in seinem Kon-trast gegen die Wirklichkeit herausstellte, pflegt man als seine Sub-jektivität zu bezeichnen. Indem ein und derselbe Gegenstand in einerSeele den höchsten, in einer anderen den niedrigsten Grad des Wertes

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