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letzten Grund haben, eine höchste Instanz, die allen folgenden Gliedernihre Legitimation gibt, ohne selbst einer solchen zu bedürfen. Dies istdas Schema, in das unser tatsächliches Erkennen sich mufs eingliedernlassen, und das alle Bedingtheiten und Relativitäten dieses an ein nichtmehr bedingtes Wissen knüpft. Allein: welches nun diese absolute Er-kenntnis sei, können wir niemals wissen. Ihr wirklicher Inhalt ist nie-mals mit derselben Sicherheit auszumachen, die Uber ihre prinzipielle,sozusagen formale Existenz besteht, weil der Prozefs der Auflösung inhöhere Prinzipien, der Versuch, das bisher letzte doch noch weiter her-zuleiten, niemals an seinem Ende anlangen kann. Welchen Satz wiralso auch als den letztbegründenden, über der Bedingtheit aller anderenstehenden ausgefunden hätten — die Möglichkeit, auch ihn als blofs relativund durch einen höheren bedingt zu erkennen, bleibt bestehen; und dieseMöglichkeit ist eine positive Aufforderung, da die Geschichte des Wissenssie unzählige Mal verwirklicht hat. Irgendwo freilich mag das Erkennenseine absolute Basis haben; wo es sie aber hat, können wir nie unab-änderlich feststellen, und müssen daher, um das Denken nicht dogmatischabzuschliefsen, jeden zuletzt erreichten Punkt so behandeln, als ob er dervorletzte wäre.
Das Ganze des Erkennens wird dadurch keineswegs skeptisch ge-färbt, wie überhaupt das Mifsverständnis, Relativismus und Skeptizimuszu verwechseln, ebenso grob ist wie das an Kant begangene, als manseine Verwandlung von Raum und Zeit in Bedingungen unserer Er-fahrung als Skeptizismus denunzierte. Man mufs freilich beide Stand-punkte so beurteilen, wenn man die je entgegengesetzten von vornhereinals das unbedingt richtige Bild des Wirklichen festhält, so dafs jede sieverneinende Theorie als Erschütterung »der Wirklichkeit« erscheint.Konstruiert man den Begriff des Relativen so, dafs er logisch ein Ab-solutes fordert, so kann man dieses letztere natürlich nicht ohne Wider-spruch beseitigen. Der Fortgang unserer Untersuchung aber wird geradezeigen, dafs es eines Absoluten als begrifflichen Korrelativums zurRelativität der Dinge nicht bedarf; diese Forderung ist vielmehr eineÜbertragung von empirischen Verhältnissen — wo allerdings ein »Ver-hältnis« sich zwischen Elementen erhebt, welche an und für sich jenseitsdieses stehen und insoweit »absolut« sind — auf dasjenige, was allerEmpirie erst zum Grunde liegt. Wenn für jetzt zugegeben wird,- dafsunser Erkennen irgendwo eine absolute Norm, eine nur durch sich selbstlegitimierte letzte Instanz besitzen mag, der Inhalt derselben aber fürunser vorschreitendes Erkennen in fortwährendem Fliefsen bleiben mufsund jeder momentan erreichte auf einen noch tieferen und für seine Auf-
Simmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 5