Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
74
Einzelbild herunterladen
 

74

Feststellung idealer Zielpunkte bestimmen wollen, so gestattet dies offen-bar eine gleichzeitige Gültigkeit entgegengesetzter Prinzipien; jetzt, woihre Bedeutung nur in den Wegen zu ihnen liegt, kann man diese ab-wechselnd begehen, und sich dabei doch so wenig widersprechen, wieman sich etwa mit dem Wechsel zwischen induktiver und deduktiverMethode widerspricht. Erst durch diese Auflösung dogmatischer Starr-heiten in die lebendigen, fliefsenden Prozesse des Erkennens wird diewirkliche Einheit desselben hergestellt, indem seine letzten Prinzipiennicht mehr in der Form des gegenseitigen Sich-Ausschliefsens, sonderndes Aufeinander - Angewiesenseins, gegenseitigen Sich-Hervorrufens undSich-Ergänzens praktisch werden. So bewegt sich z. B. die Entwicklungdes metaphysischen Weltbildes zwischen der Einheit und der Viel-heit der absoluten, alle Einzelanschauung begründenden Wirklichkeit.Unser Denken ist so angelegt, dafs es nach jedem von beiden wie nacheinem definitiven Abschlufs streben mufs, ohne doch mit einem von beidenabschliefsen zu können. Erst wenn alle Differenzen und Vielheiten derDinge in einen Inbegriff versöhnt sind, findet der intellektuell-gefühls-mäfsige Einheitstrieb seine Ruhe. Allein sobald diese Einheit erreichtist, wie in der Substanz Spinozas, zeigt sich, dafs man mit ihr für dasVerständnis der Welt nichts anfangen kann, dafs sie mindestens eineszweiten Prinzips bedarf, um befruchtet zu werden. Der Monismus treibtüber sich hinaus zum Dualismus oder Pluralismus, nach dessen Setzungaber wieder das Bedürfnis nach Einheit zu wirken beginnt; so dafs dieEntwicklung der Philosophie wie die des individuellen Denkens von derVielheit an die Einheit und von der Einheit an die Vielheit gewiesenwird. Die Geschichte des Denkens zeigt es als vergeblich, einen dieserStandpunkte als den definitiven gewinnen zu wollen; die Struktur unsererVernunft in ihrem Verhältnis zum Objekt beansprucht vielmehr dieGleichberechtigung beider und erreicht sie, indem sie die monistischeForderung in das Prinzip gestaltet: jede Vielheit soweit wie möglich zuvereinheitlichen, d. h. so, als ob wir am absoluten Monismus endigensollten, und die pluralistische: bei keiner Einheit Halt zu machen,sondern jeder gegenüber nach noch einfacheren Elementen und erzeugen-den Kräftepaaren zu forschen, d. h. so, als ob das Endergebnis einpluralistisches sein sollte. Ebenso liegt es, wenn man den Pluralismusin seiner qualitativen Bedeutung: in die individuelle Differenziertheitder Dinge und Schicksale, ihre Sonderung nach Wesen und Wert ver-folgt. Zwischen dieser Sonderung und der Zusammengehörigkeit unsererDaseinsmomente pendelt unser intimstes Lebensgefühl: bald scheint einemdas Leben nur so erträglich, dafs man sein Glück und seine Höhen in