reiner Absonderung von allem Leid und allem Stumpfen geniefst, wenig-stens diese spärlichen Momente von jeder Berührung mit dem Darunter-oder Gegenüberliegenden frei hält. Und dann wieder erscheint es einemals die Gröfse, ja die eigentliche Aufgabe, Lust und Leid, Kraft undSchwäche, Tugend und Sünde als eine Lebenseinheit zu fühlen, einesdie Bedingung des Anderen, jedes weihend und geweiht. In ihrer reinenPrinzipienmäfsigkeit mögen diese Gegentendenzen selten bewufst werden;aber in Ansätzen, Zielen, fragmentarischen Betätigungen bestimmen siefortwährend unsere Attitüde zum Leben. Auch wenn ein Charakterganz nach der einen dieser Richtungen hin orientiert scheint, wird siedennoch dauernd von der anderen gekreuzt, als Ablenkung, Hintergrund,Versuchung. Der Gegensatz zwischen der Individualisierung und derVereinheitlichung der Lebensinhalte teilt nicht die Menschen unter sichauf, sondern den Menschen — obgleich sich seine persönlich - innerlicheForm ersichtlich in Wechselwirkung mit seiner sozialen, die sich zwischendem individualistischen und dem Sozialisierungsprinzip bewegt, ent-wickelt. Das hier Wesentliche ist nicht die Mischung des Lebens ausdiesen beiden Richtungen, sondern ihr Aufeinander - Angewiesensein inder Form der Heuristik. Es scheint, als ob unser Leben eine einheit-liche Grundfunktion übte oder in ihr bestände, die wir in ihrer Einheitnicht erfassen, sondern in Analyse und Synthese zerlegen müssen, diedie allgemeinste Form auch jenes Gegensatzes bilden und deren Zu-sammenwirken die Einheit des Lebens gleichsam nachträglich wieder-herstellt. Indem nun aber das Einzelne in seiner Sonderung und Für-sichsein ein absolutes Recht an uns und in uns beansprucht und die Einheit,die alles Einzelne in sich zusammenführt, eben dieselbe kompromifsloseForderung erhebt, entsteht ein Widerspruch, unter dem das Leben frei-lich oft genug leidet, und der dadurch zu einem logischen wird, dafs jededer Seiten zu ihrem Bestände die andere voraussetzt: keine von beidenwürde einen sachlich ausdenkbaren Sinn oder ein seelisches Interesse be-sitzen, wenn nicht die andere ihr als ihr »Gegenwurf« gegenüberstände.So entsteht hier — und ebenso in unzähligen anderen Gegensatzpaaren —die eigentümliche Schwierigkeit: dafs ein Unbedingtes bedingt wird, undzwar durch ein anderes Unbedingtes, das seinerseits wieder von jenemabhängt. Dafs so das als absolut Empfundene dennoch relativ ist, scheintmir keine andere prinzipielle Lösung zu gestatten, als dafs das Absoluteeinen Weg bedeutet, dessen Richtung, ins Unendliche fortlaufend, fest-gelegt bleibt, gleichviel wie weit die endliche Strecke ist, auf die hin ertatsächlich begangen wird. Die Bewegung innerhalb jedes Teilstückes,solange sie eben dauert, verläuft so, als ob sie in den absoluten, im
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