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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Verhältnis zu seinen Warenwerten hervorgehen, sind nur Ausgleichungeninnerhalb eines Wirtschaftskreises, dessen Provinzen die beteiligtenLänder bilden, und bedeuten, dafs das allgemeine, in diesem Wirtschafts-kreise jetzt wirkliche Verhältnis zwischen beiden aus der Verschiebung,die es in einem einzelnen Teile erlitten hat, wieder hergestellt wird.Unter diesen Annahmen würde die Frage, ob ein Preis angemessen istoder nicht, sich unmittelbar aus den beiden Vorfragen beantworten:erstens, welche Summe von Geld und welche Summe von Verkaufs-objekten momentan wirksam sind, und zweitens, welchen Teil desletzteren Quantums das jetzt in Rede stehende Objekt ausmacht. Dieletztere ist die eigentlich entscheidende, und die Gleichung zwischen demObjektbruch und dem Geldbruch kann eine objektiv und berechenbarwahre oder falsche sein, während es sich bei der zwischen den Objektenüberhaupt und dem Geld überhaupt nur um Zweckmäfsigkeit oder Un-zweckmäfsigkeit, nicht aber um Wahrheit im Sinne einer logischen Er-weislichkeit handeln kann. Dieses Verhältnis der Totalitäten zueinanderhat gewissermafsen die Bedeutung eines Axioms, das gar nicht in dem-selben Sinne wahr ist, wie die einzelnen Sätze, die sich auf dasselbegründen; nur diese sind beweisbar, während jenes auf nichts hinweisenkann, von dem es sich logisch herleite. Eine methodische Norm vongrofser Bedeutsamkeit kommt hier zur Geltung, für die ich ein Beispielaus einer ganz anderen Kategorie von Werten anführen will. Die Grund-behauptung des Pessimismus ist, dafs die Gesamtheit des Seins einenerheblichen Überschufs der Leiden über die Freuden aufweise; die Weltder Lebewesen, als eine Einheit betrachtet, oder auch der Durchschnittderselben, empfinde sehr viel mehr Schmerz als Lust. Eine solche Be-hauptung ist nun von vornherein unmöglich. Denn sie setzt voraus, dafsman Lust und Schmerz, wie qualitativ gleiche Gröfsen mit entgegen-gesetztem Vorzeichen, unmittelbar gegeneinander abwägen und aufrechnenkönne. Das kann man aber in Wirklichkeit nicht, da es keinen gemein-samen Mafsstab für sie gibt. Keinem Quantum Leid kann es an undfür sich anempfunden werden, ein wie grofses Quantum Freude dazugehört, um es aufzuwiegen. Wie kommt es, dafs dennoch solche Ab-messungen in einem fort stattfinden, dafs wir sowohl in den Angelegen-heiten des Tages, wie in dem Zusammenhang der Schicksale, wie in derGesamtheit des Einzellebens das Urteil fällen, das Freudenmafs sei hinterdem Mafs der Schmerzen zurückgeblieben, oder habe es überschritten?Das ist nicht anders möglich, als dafs die Erfahrung des Leben unsgenauer oder ungenauer darüber belehrt, wie Glück und Unglück tat-sächlich verteilt sind, wieviel Leid im Durchschnitt hingenommen werden