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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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mufs, um ein gewisses Lustquantum damit zu erkaufen, und wieviel vonbeiden das typische Menschenlos aufweist. Erst wenn hierüber irgend-eine Vorstellung besteht, wie unbewufst und unbestimmt auch immer,kann man sagen, dafs in einem einzelnen Falle ein Genufs zu teuer d. h.mit einem zu grofsen Leidquantum erkauft ist, oder dafs ein einzelnesMenschenschicksal einen Uberschufs von Schmerzen über seine Freudenzeige. Jener Durchschnitt selbst ist aber nicht »unverhältnismäfsig«,weil er vielmehr dasjenige ist, woran sich das Verhältnis der Empfin-dungen im einzelnen Falle erst als ein angemessenes oder unangemessenesbestimmt so wenig wie man sagen kann, der Durchschnitt derMenschen wäre grofs oder klein, da dieser Durchschnitt ja erst denMafsstab abgibt, an dem der einzelne Mensch als welcher allein grofsoder klein sein kann sich mifst-, ebenso, wie man nur sehr mifsver-ständlich sagen kann, dafs 2die Zeit« schnell oder langsam vergingedas Vergehen der Zeit vielmehr, d. h. das als Durchschnitt erfahreneund empfundene Tempo der Ereignisse überhaupt ist die messende Gröfse,an der sich die Schnelligkeit oder Langsamkeit des Ablaufs der einzelnenErlebnisse ergibt, ohne dafs jener Durchschnitt selbst schnell oder lang-sam wäre. So also ist die Behauptung des Pessimismus, dafs der Durch-schnitt des Menschenlebens mehr Leid als Lust aufweise, ebenso metho-disch unmöglich wie der des Optimismus, dafs er mehr Lust als Leideinschliefse; das Empfundenwerden der Gesamtquanten von Lust und Leid(oder, anders ausgedrückt, ihres auf das Individuum oder die Zeitperiodeentfallenden Durchschnitts) ist das Urphänomen, dessen Seiten nicht mit-einander verglichen werden können, weil es dazu eines aufserhalb beidergelegenen und sie gleichmäfsig umfassenden Mafsstabes bedürfte.

Der Typus des Erkennens, um den es sich hier handelt, dürfte sohinreichend charakterisiert sein. Innerhalb der angeführten und mancheranderen Gebiete sind die primären, sie bildenden Elemente an sich un-vergleichbar, weil sie von verschiedener Qualität sind, also nicht an-einander oder an einem dritten gemessen werden können. Nun aberbildet die Tatsache, dafs das eine Element überhaupt in diesem, dasandere in jenem Mafse vorhanden ist, ihrerseits den Mafsstab für die Be-urteilung des singulären und partiellen Falles, Ereignisses, Problemes, indem beiderlei Elemente mitwirken. Indem die Elemente des einzelnenVorkommnisses die Proportion der Gesamtquanten wiederholen, haben siedas «richtige«, d. h. das normale, durchschnittliche, typische Verhältnis,während die Abweichung davon als »Übergewicht« des einen Elementes,als »Unverhältnismäfsigkeit« erscheint. An und für sich besitzen natür-lich diese Elemente der Einzelfälle so wenig ein Verhältnis von Richtig-

Slmmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 8