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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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haben möge, so verschwindet diese Beziehung doch in dem Malse ihrergesteigerten Produktion. Diese Entwicklung wird noch dadurch unter-stützt, dafs der primitive Mensch, wie ich hervorhob, es zwar für einevitale Notwendigkeit hält, sich in einer bestimmten Weise zu schmücken,dafs aber die spätere Ausbildung der Wertskalen dieses Interesse tat-sächlich in die Kategorie des »Entbehrlichen« oder »Überflüssigen« ein-reiht. Der Schmuck spielt im modernen Kulturleben absolut nicht mehrdie soziale Rolle, die wir mit Staunen in den ethnologischen, aber auchnoch in mittelalterlichen Berichten finden. Auch dieser Umstand mufsdazu dienen, die Bedeutung des Geldes, die es seinem Material verdankt,herabzudrücken. Man kann sagen, dafs der Wert des Geldes immermehr von seinem terminus a quo auf seinen terminus ad quem übergeht,und dafs so das Metallgeld, in bezug auf die psychologische Vergleich-gültigung seines Materialwertes, mit dem Papiergeld auf einer Stufe steht.Man darf die materiale Wertlosigkeit dieses letzteren nicht deshalb alsirrelevant erklären, weil es nur eine Anweisung auf Metall wäre. Da-gegen spricht schon die Tatsache, dafs selbst ein völlig ungedecktesPapiergeld doch immer als Geld gewertet wird. Denn wenn man auchauf den politischen Zwang hinweisen wollte, der allein solchem Papier-geld seinen Kurs verschaffte, so heilst das ja gerade, dafs andere Gründeals der der unmittelbaren und materialen Verwertung einem bestimmtenStoff den Geldwert verleihen können und jetzt tatsächlich verleihen. Dersteigende Ersatz des baren Metallgeldes durch Papiergeld und die mannig-faltigen Formen des Kredits wirken unvermeidlich auf den Charakterjenes selbst zurück ungefähr wie im Persönlichen jemand, der sichfortwährend durch andere vertreten läfst, schliefslich keine andereSchätzung erfährt, als die seinen Vertretern gebührende. Zu je aus-gedehnteren und mannigfaltigeren Diensten das Geld berufen ist und jeschneller das einzelne Quantum zirkuliert, desto mehr mufs sein Funk-tionswert über seinen Substanzwert hinauswachsen. Der modern ent-wickelte Verkehr strebt offenbar dahin, das Geld als substanziellen Wert-träger mehr und mehr auszuschalten, und er mufs dahin streben, weilauch die gesteigertste Edelmetallproduktion nicht ausreichen würde, alleUmsätze in bar zu begleichen. Der Giroverkehr einerseits, der inter-nationale Wechselversand andrerseits sind nur hervortretende Punktedieser allgemeinen Tendenz, deren schon frühe und charakteristische Er-scheinungen der letzte Abschnitt dieses Kapitels behandeln wird.

Im ganzen wird, je primitiver die wirtschaftlichen Vorstellungen sind,um so mehr auch das Messen ein sinnlich - unmittelbares Verhältniszwischen den verglichenen Werten voraussetzen. Die eben geschilderte