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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Auffassung: dafs die Wertgleichung zwischen einer Ware und einer Geld-summe die Gleichheit des Bruches bedeute, welcher zwischen diesenbeiden als Zählern und den ökonomisch in Betracht kommenden Gesamt-quanten aller Waren und alles Geldes als Nennern bestehe ist offen-bar der Tatsache nach überall wirksam, weil sie erst die eine Objektartwirklich zum Gelde macht; allein da das Geld als solches eben nur all-mählich entsteht, wird auch dieser Modus sich aus dem primitiveren einerunmittelbaren Vergleichung der auszutauschenden Objekte entwickeln.Die niedrigste Stufe bezeichnet vielleicht ein Fall, der von den neu-britannischen Inseln gemeldet wird. Die Eingeborenen benutzen dort alsGeld schnurweise aufgereihte Kaurimuscheln, welche sie Dewarra nennen.Dies Geld wird nach Längenmafsen: Armlängen usw. zum Einkauf ver-wandt; für Fische wird in der Regel so viel in Dewarra gegeben,wie sie selbst lang sind. Auch sonst wird aus dem Gebiet desKaurigeldes gelegentlich gemeldet, der Typus des Kaufes sei, dafs dasgleiche Mafs zweier Waren als wertgleich gelte: ein Mafs Getreide z. B.gilt das gleiche Mafs Kaurimuscheln. Hier hat offenbar die Unmittel-barkeit in der Äquivalenz von Ware und Preis ihren vollständigsten undeinfachsten Ausdruck erlangt, der gegenüber eine Wertvergleichung, dienicht auf quantitative Kongruenz hinausläuft, schon einen höherengeistigen Prozefs darstellt. Ein Rudiment jener naiven Gleichwertunggleicher Quanten liegt in der Erscheinung, die Mungo Park im 18. Jahr-hundert von einigen westafrikanischen Stämmen berichtet. Dort habeEisengeld in Stangenform als Geld kursiert und zur Bezeichnung derWarenquanten gedient, so dafs man ein bestimmtes Mafs Tabak oderRum je eine Stange Tabak, eine Stange Rum genannt habe. Hier hatsich das Bedürfnis, Wertgleichheit als Quantitätsgleichheit anzusehenoffenbar ein starker, sinnlich eindrucksvoller Anhalt primitiver Wert-bildung in den sprachlichen Ausdruck geflüchtet. Bei sehr ver-schiedenem Aussehen gehören doch der gleichen prinzipiellen Empfindungeinige andere Erscheinungen an. Von der Stadt Olbia am Dnjepr, einermilesischen Kolonie, sind uns alte Bronzemünzen erhalten, welche dieGestalt von Fischen haben, mit Aufschriften, welche wahrscheinlichThunfisch und Fischkorb bedeuten. Nun wird angenommen, dafs jenesFischervolk ursprünglich den Thunfisch als Tauscheinheit benutzte undes vielleicht wegen des Verkehrs mit tieferstehenden Nachbar-stämmen bei Einführung der Münze nötig fand, den Wert je einesThunfisches in einer Münze darzustellen, die durch die Gleichheit ihrerForm diese Gleichwertigkeit und Ersetzbarkeit unmittelbar versinnlichtewährend man an anderen Stellen, weniger nachdrücklich und doch auf