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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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das äulserliche Sichentsprechen nicht verzichtend, auf die Münze nur dasBild des Gegenstandes (Ochse, Fisch, Axt) prägte, der in der Tausch-epoche die Grundeinheit bildete und dessen Wert eben die Münze dar-stellte. Dasselbe Grundgefühl herrscht, wenn der Zend - Avesta vor-schreibt, der Arzt solle als Honorar für die Heilung eines Hausbesitzersden Wert eines schlechten Ochsen fordern, für die eines Dorfvorstandesden Wert eines mittelguten, für die eines Stadtherrn den Wert eineshochwertigen, für die eines Provinzstatthalters den Wert eines Vier-gespanns ; dagegen käme ihm für die Heilung der Frau eines Haus-besitzers eine Eselin an Wert zu, für die Frau eines Dorfvorstandes eineKuh, für die Frau eines Stadtherrn eine Stute, für die Frau eines Statt-halters ein weibliches Kamel. Die Gleichheit des Geschlechtes amLeistungsobjekt und am Leistungsentgelt bezeugt auch hier die Neigung,die Äquivalenz von Wert und Gegenwert auf eine unmittelbar äufser-liche Gleichheit zu gründen. Ebenso verhält es sich mit der Tatsache,dafs das Geld am Anfang seiner Entwicklung aus Stücken von grofserund schwerer Quantität zu bestehen pflegte: Felle, Vieh, Kupfer, Bronze;oder aus sehr massenhaften, wie das Kaurigeld; dahin gehört die Tat-sache, dafs die erste Banknote, von der wir wissen und die uns auf-bewahrt ist, aus China vom Ende des 14. Jahrhunderts, 18 englischeZoll lang und 9 Zoll breit ist. Es wirkt hier noch die Tendenz derBauernregel: viel hilft viel für die ein natürliches und erst durch einefeinere und reflektierende Empirie widerlegbares Gefühl spricht. Auchvon Edelmetallgeld finden wir die gröfsten Münzen fast ausschliefslichbei Völkern von unausgebildeter oder naturalwirtschaftlicher Kultur: alsdie gröfsten Goldstücke gelten der Lool der Anamiten, der 880 Mk.wert ist, der japanische Obang (220 Mk.), der Benta der Aschantis; auchhat Anam eine Silbermünze im Werte von 60 Mk. Aus demselben Ge-fühl von der Bedeutung des Quantums heraus bleibt das Prägerecht dergröfsten Münzen oft den obersten Machthabern Vorbehalten, während diekleineren (auch von dem gleichen Metall!) von niederen Instanzen ge-schlagen werden: so prägte der Grofskönig von Persien das Grofsgeld,die Satrapen aber die goldene Kleinmünze, vom Viertel abwärts. DerCharakter erheblicher Quantität ist sogar nicht nur primitiven Metallgeld-formen, sondern auch den Geldarten, die diesen vorangehen, manchmaleigen: die Slawen, welche in dem l. Jahrhundert unserer Zeitrechnungzwischen Saale und Elbe safsen und ein aufserordentlich rohes Naturvolkwaren, bedienten sich als Geldes leinener Tücher; die Kaufkraft einessolchen betrug 100 Hühner, oder Weizen für 10 Mann auf 1 Monat!Und selbst innerhalb des ausgebildeteren Geldwesens ist bemerkbar, wie