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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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die Geldbegriffe von immer geringeren Metallwerten erfüllt werden. Dermittelalterliche Gulden war eine Goldmünze im Wert eines Dukatender heutige zählt 100 Kupferkreuzer; der ehemalige Groschen war einedicke (grossus) Silbermünze; die ehemalige Mark betrug ein Pfund Silber,das Pfund Sterling war 70 Mk. wert. In primitiven, naturahvirtschaft-lichen Verhältnissen wird der Geldverkehr überhaupt nicht die kleinenBedürfnisse des Tages, sondern nur relativ gröfsere und wertvollere Ob-jekte betroffen haben, und ihnen gegenüber wird die Neigung zur Sym-metrie, die allen unausgebildeten Kulturen eigen ist, auch den Geldtauschbeherrscht und für äufserlich Grofses auch ein äufserlich grofses Wert-zeichen gefordert haben: dafs die äufserste quantitative Ungleichheit derErscheinungen dennoch eine Gleichheit der Kraft, der Bedeutung, desWertes gestattet, pflegt erst von höheren Bildungsstufen eingesehen zuwerden. Wo eine Praxis auf das Vollziehen von Gleichungen gestelltist, da wird zuerst eine möglichst anschauliche Unmittelbarkeit des Gleich-seins verlangt, wie die quantitative Mächtigkeit des primitiven Geldes esim Verhältnis zu ihren Gegenwerten zeigt. Die Abstraktion, die späterein kleines Metallstückchen als Äquivalent irgendeines umfänglichstenObjektes anerkennt, steigert sich, in der gleichen Richtung, auf das Zielhin, dafs die eine Seite der Wertgleichung gar nicht mehr als Wert anund für sich, sondern nur noch als abstrakter Ausdruck für den Wertder andern funktioniere. Daher ist denn auch die Mefsfunktion desGeldes, die von vornherein am wenigsten an die Materialität seines Sub-strates geknüpft ist, durch die Veränderungen der modernen Wirtschaftam wenigsten alteriert worden.

Ein Mafsverhältnis zwischen zwei Gröfsen nicht mehr durchunmittelbares Aneinanderhalten herzustellen, sondern daraufhin, dafs jedederselben zu je einer anderen Gröfse ein Verhältnis hat und diese beidenVerhältnisse einander gleich oder ungleich sind das ist einer dergröfsten Fortschritte, die die Menschheit gemacht hat, die Entdeckungeiner neuen Welt aus dem Material der alten. Zwei Leistungen ganzverschiedener Elöhe bieten sich dar sie werden vergleichbar, da sieim Verhältnis zu dem Kraftmafs, das jeder der Leistenden einzusetzenhatte, die gleiche Willensanspannung und Hingebung zeigen; zweiSchicksale stehen auf der Skala des Glücks weit voneinander ababer sie gewinnen sogleich eine mefsbare Beziehung, wenn man jedesauf das Mafs des Verdienstes hin ansieht, durch das sein Träger seinerwürdig oder unwürdig ist. Zwei Bewegungen, die völlig verschiedeneGeschwindigkeiten haben, gewinnen eine Zusammengehörigkeit undGleichheit, sobald wir beobachten, dafs die Beschleunigung, die jede von