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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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kommenden Waren besteht. Das Geld ist seinem Wesen nach nichtein wertvoller Gegenstand, dessen Teile untereinander oder zum Ganzenzufällig dieselbe Proportion hätten wie andere Werte untereinander;sondern es erschöpft seinen Sinn darin, das Wertverhältnis eben dieserandern Objekte zu einander auszudrücken, was ihm mit Hülfe jenerFähigkeit des ausgebildeten Geistes gelingt: die Relationen der Dingeauch da gleichzusetzen, wo die Dinge selbst keine Gleichheit oderÄhnlichkeit besitzen. Da diese Fähigkeit sich aber erst allmählich ausder primitiveren entwickelt, die Gleichheit oder Ähnlichkeit zweierObjekte unmittelbar zu beurteilen und auszudrücken, so entstehendie oben berührten Erscheinungen, in denen man auch das Geld in eineunmittelbare Beziehung dieser Art zu seinen Gegenwerten zu bringensuchte.

Innerhalb der modernen Wirtschaft setzt der fragliche Übergangz. B. an das Merkantilsystem an. Das Bestreben der Regierungen,möglichst viel bares Geld ins Land zu bekommen, wurde zwar auchnoch von dem Prinzip: viel hilft viel geleitet; allein der schliefslicheZweck, zu dem es helfen sollte, war doch schon die funktionelle Be-lebung der Industrie und des Marktes. Der Fortschritt darüber hinausbestand in der Einsicht, dafs die diesem Zwecke dienstbaren Werte dersubstanziellen Geldform nicht bedürften, vielmehr das unmittelbare Pro-dukt der Arbeit schon als solches den entscheidenden Wert darstellte.Das verhält sich ungefähr wie mit den Zielen früherer Politik: nurmöglichst viel Land zu gewinnen und es mit möglichst viel Menschenzu »peuplieren«: bis tief in das 18. Jahrhundert hinein fiel es kaumeinem Staatsmann ein, dafs die eigentliche nationale Gröfse anders alsdurch den Gewinn von Land gefördert werden könnte. Die Berechtigungsolcher Ziele unter gewissen historischen Umständen hat doch die Ein-sicht nicht verhindert, dafs alle diese substanzielle Fülle nur als Grund-lage dynamischer Entwicklungen bedeutsam ist, dafs diese letzteren aberschliefslich nur eine sehr begrenzte Unterlage jener Art fordern. Eshat sich gezeigt, dafs für die Steigerung der Produktion und des Reich-tums die physische Gegenwart des Geldäquivalents immer entbehrlicherwird und dafs, selbst wenn das »viele« Geld nicht mehr um seinethalben,sondern um bestimmter funktioneller Zwecke willen erstrebt wird, diesegleichsam in freischwebenden Prozessen, unter Ausschaltung jenes er-reicht werden können wie insbesondere der moderne internationaleWarenaustausch erweist. Die Bedeutung des Geldes, die relativenWerte der Waren auszudrücken, ist nach unseren obigen Ausführungenvon einem an ihm bestehenden Eigenwert ganz unabhängig; wie es für