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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
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eine Skala zur Messung von Raumgröfsen gleichgültig ist, ob sie ausEisen, Holz oder Glas besteht, weil nur das Verhältnis ihrer Teile zueinander, bezw. zu einer dritten Grölse, in Betracht kommt so hatdie Skala, die das Geld für die Bestimmung von Werten darbietet, mitdem Charakter seiner Substanz nichts zu tun. In dieser seiner ideellenBedeutung als Mafsstab und Ausdruck für den Wert von Waren ist esganz ungeändert geblieben, während es als Zwischenware, Wertauf-bewahrungs- und Werttransportmittel seinen Charakter teils geänderthat, teils noch weiter zu ändern im Begriff steht: aus der Form derUnmittelbarkeit und Substanzialiät, in der es diese Obliegenheiten zuersterfüllte, geht es in die ideelle über, d. h. es übt seine Wirkungen alsblofse Idee, welche sich an irgend ein vertretendes Symbol knüpft.

Hiermit scheint sich die Entwicklung des Geldes in eine tief-gelegene Kulturtendenz einzuordnen. Man kann die verschiedenen Kultur-schichten danach charakterisieren, inwieweit und an welchen Punktensie zu den Gegenständen ihrer Interessen ein unmittelbares Verhältnishaben, und wo andrerseits sie sich der Vermittlung von Symbolen be-dienen. Ob z. B. die religiösen Bedürfnisse durch symbolische Diensteund Formeln erfüllt werden oder durch ein unmittelbares Sich-Hinwendendes Individuums zu seinem Gott; ob die Achtung der Menschen füreinander sich in einem festgesetzten, die gegenseitigen Positionen durchbestimmte Zeremonien andeutenden Schematismus offenbart oder in derformfreien Höflichkeit, Ergebenheit und Respekt; ob Käufe, Zusagen,Verträge durch einfache Verlautbarung ihres Inhaltes vollzogen werden,oder ob sie durch ein äufseres Symbol feierlicher Handlungen erstlegalisiert und zuverlässig gemacht werden; ob das theoretische Erkennensich unmittelbar an die sinnliche Wirklichkeit wendet, oder sich mit derVertretung derselben durch allgemeine Begriffe und metaphysische odermythologische Sinnbilder zu tun macht das gehört zu den tief-greifendsten Unterschieden der Lebensrichtungen. Diese Unterschiedeaber sind natürlich nicht starr; die innere Geschichte der Menschheitzeigt vielmehr ein fortwährendes Auf- und Absteigen zwischen ihnen;auf der einen Seite wächst die Svmbolisierung der Realitäten, zugleichaber werden, als Gegenbewegung, stetig Symbole aufgelöst und auf ihrursprüngliches Substrat reduziert. Ich führe ein ganz singuläres Beispielan. Die sexuellen Dinge standen schon lange unter der Verhüllungdurch Zucht und Scham, während die Worte, die sie bezeichneten, nochvöllig ungeniert gebraucht wurden; erst in den letzten Jahrhundertenist das Wort unter dieselben Kautelen gestellt das Symbol rücktein die Gefühlsbedeutung der Realität ein. Nun aber bahnt sich in der