124
allerneuesten Zeit wieder eine Lösung dieser Verbindung an. Dienaturalistische Kunstrichtung hat auf die Undifferenziertheit und Unfrei-heit des Empfindens hingewiesen, das an das Wort, also an ein blofses,zu künstlerischen Zwecken verwandtes Symbol, dieselben Empfindungenknüpfe, wie an die Sache selbst; die Darstellung des Unanständigen seinoch keine unanständige Darstellung, und man müsse die Realitäts-empfindungen von der symbolischen Welt lösen, in der jede Kunst, auchdie naturalistische, sich bewege. Vielleicht in Zusammenhang hiermitkommt eine allgemeine gröfsere Freiheit der gebildeten Stände im Be-sprechen heikler Objekte auf; wo objektive und reine Gesinnung voraus-gesetzt wird, ist mancherlei früher Verbotenes auszusprechen erlaubt —die Schamempfindung ist eben wieder ausschliefslicher der Sache zu-gewandt und läfst das Wort, als ein blofses Symbol ihrer, wieder freier.So schwankt, auf den engsten wie auf den weitesten Gebieten, das Ver-hältnis zwischen Realität und Symbol, und man möchte fast glauben —so wenig solche Allgemeinheiten ihre Beweislast auf sich nehmen können— dafs entweder jede Kulturstufe (und schliefslich jede Nation, jederKreis, jedes Individuum) eine besondere Proportion zwischen symbolischerund unmittelbar realistischer Behandlung ihrer Interessen aufweist; oderdafs gerade diese Proportion im Ganzen beharrt und nur die Gegen-stände, an denen sie sich darstellt, dem Wechsel unterliegen. Vielleichtaber kann man sogar etwas spezieller bestimmen, dals ein besondersaugenfälliges Hervortreten von Symbolik ebenso sehr primitiven undnaiven, wie sehr hochentwickelten und komplizierten Kulturzuständeneigen ist; und dafs, auf die Objekte hin angesehen, die aufwärts-schreitende Entwicklung uns auf dem Gebiete des Erkennens immermehr von Symbolen befreit, sie uns aber auf praktischen Gebieten immernotwendiger macht. Gegenüber der nebelhaften Symbolistik mythologi-scher Weltanschauungen zeigt die moderne eine gar nicht vergleichlicheUnmittelbarkeit im Ergreifen der Objekte; dagegen bringt die extensiveund intensive Häufung der Lebensmomente es mit sich, dafs wir vielmehr mit Zusammenfassungen, Verdichtungen und Vertretungen ihrerin symbolischer Form operieren müssen, als es in den einfacheren undengeren Verhältnissen nötig war: die Symbolik, die auf den niederenLebensstufen so oft Umweg und Kraftvergeudung ist, dient auf denhöheren gerade einer die Dinge beherrschenden Zweckmäfsigkeit undKraftersparnis. Man mag hier etwa an die diplomatische Technik denken,sowohl im internationalen wie im parteipolitischen Sinne. Sicher ist esdas Verhältnis der realen Machtquanten, das über den Ausgang desInteressengegensatzes entscheidet. Aber diese messen sich eben nicht