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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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finden sich die äufsersten Gegensätze der Geldwerte zusammen; es be-gegnet einerseits ein so absolut wertkonkretes Geld, wie das Rindergeldoder die Baumwollenstoffe, die auf den Philippinen als Grofsgeld kur-sierten, andrerseits ein so absolut ideales, wie das Kaurigeld, wie dasGeld aus der Rinde des Maulbeerbaums, das Marco Polo in China ent-deckte, wie die Porzellanstücke mit chinesischen Schriftzeichen, die inSiam galten. Eine gewisse funktionelle Entwicklung über jene wert-konkreten Geldarten hinaus ist dort angebahnt, wo zwar Naturalartikel,aber solche die zugleich besonders Exportartikel sind, zu Tauschmittelnwerden: Tabak in Virginia, Reis in Carolina, Klippfisch in Neufundland ,Tee in China, Pelze in Massachusetts . Beim Exportartikel ist der Werteinigermafsen aus der Unmittelbarkeit psychologisch herausgerückt, diebei der Binnen-Konsumtion der Geldware stattfindet. Allein die glück-lichste Mitte zwischen abstrakten Geldarten, wie die angeführten, und demKonsumtivgeld stellt doch das Schmuckgeld, also Gold und Silber, dar,indem es weder so launenhaft und sinnlos wie jene, noch so grob undsingulär wie dieses ist. Dies ist offenbar der Träger, der das Geld zu-gleich am leichtesten und am festesten zu seiner Symbolwerdung leitet;das Stadium dieser Bindung mufs es passieren, um zu dem Maximumseiner Leistungsfähigkeit zu gelangen, und es scheint, dafs es für absehbareZeiten nicht gänzlich aus ihm heraustreten kann.

Wenn sekundäre Symbole wie man sie im Unterschied gegendie naive Symbolistik naiver Geisteszustände nennen kann immer mehrdie unmittelbaren Greifbarkeiten von Dingen und Werten für die Praxisersetzen, so ist damit die Bedeutung des Intellekts für die Lebens-führung aufserordentlich gesteigert. Sobald das Leben nicht mehrzwischen sinnlichen Einzelheiten verläuft, sondern sich durch Abstrak-tionen, Durchschnitte, Zusammenfassungen bestimmen läfst, so wird ins-besondere in den Beziehungen der Menschen untereinander der schnellereund genauere Vollzug der Abstraktionsprozesse einen erheblichen Vor-sprung verleihen. Wenn da, wo in roheren Zeiten die öffentlicheOrdnung nur durch physische Gewalt hergestellt werden konnte, heutedas blofse Erscheinen eines Beamten dazu gehört; wenn die blofseNamensunterschrift uns äufserlich und innerlich bedingungslos bindet;wenn unter feinfühligen Menschen ein leise andeutendes Wort odereine Miene hinreicht, ihr Verhältnis dauernd festzustellen, das sich untertieferstehenden erst auf lange Auseinandersetzungen oder praktischeHandlungsweisen hin ergibt; wenn man uns durch eine Berechnung aufdem Papiere zu Opfern bringen kann, die dem Unverständigen nurdurch die reale Einwirkung der betreffenden Faktoren abgezwungen