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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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dieses Momentes ist ja vorausgesetztermafsen von der Verfassung desvon vornherein Gerechten nicht unterschieden sondern aus den voran-gegangenen, sittlich anders gerichteten, und der Tatsache, dafs diesejetzt nicht mehr bestehen. Oder wenn nach starken Hemmungenunserer Tätigkeit, äufserlicher Erzwungenheit ihrer Richtung wiederFreiheit und Selbstbestimmung eintritt, so knüpft sich nun an unserTun ein spezifisches Wohl- und Wertgefühl, das gar nicht aus deneinzelnen Inhalten desselben oder ihrem Erfolge quillt, sondern aus-schliefslich daraus, dafs die Form der Abhängigkeit beseitigt ist: genaudasselbe Tun würde, an eine ununterbrochene Reihe unabhängiger Hand-lungen sich anschliefsend, eben dieses Reizes entbehren, der aus demblofsen Vorbeisein jener früheren Lebensform quillt. Solcher Erfolg desNichtseienden für das Seiende erscheint etwas modifiziert und unsererspeziellen Frage bei aller inhaltlichen Fremdheit näher liegend inder Bedeutung, die das Unmittelbare Gefühlsleben für das lyrische odermusikalische Kunstwerk besitzt. Denn so sehr Lyrik und Musik aufder Stärke der subjektiven inneren Bewegungen aufgebaut sind, so ver-langt ihr Charakter als Kunst doch, dafs deren Unmittelbarkeit über-wunden werde. Der Rohstoff des Gefühls mit seiner Impulsivität, seinerpersonalen Beschränktheit, seiner unausgeglichenen Zufälligkeit, bildetzwar die Voraussetzung des Kunstwerkes, aber die Reinheit desselbenverlangt eine Distanz gegen jenen, eine Erlöstheit von ihm. Das ist jader ganze Sinn der Kunst, für den Schaffenden wie für den Geniefsenden,dafs sie uns über die Unmittelbarkeit des Verhältnisses zu uns selbstund zur Welt hinaushebe, und ihr Wert hängt daran, dafs wir dieshinter uns gelassen haben, dafs es als etwas wirkt, was nicht mehr daist. Und wenn man sagt, es sei doch eben das Nachhallen jenesautochthonen Gefühles, jener ursprünglichsten Erregtheit der Seele, vondem der Reiz des Kunstwerkes lebe, so wird damit gerade zugegeben,dafs das Spezifische desselben nicht in demjenigen liegt, was derunmittelbaren und der ästhetischen Form des Gefühlsinhalts gemeinsamist, sondern in dem neuen Ton, den die letztere insoweit erhält, als dieerstere verklungen ist. Und endlich der entschiedenste und allgemeinsteFall dieses Typus, der wegen seiner tiefen Eingebettetheit in unserefundamentalen Wertungen wenig beachtet wird. Es scheint mir nämlich,als ob eine ungeheure Anzahl von Lebensinhalten, deren Reiz wir ge-niefsen, die Höhe desselben dem Umstande verdankt, dafs wir um ihret-willen unzählige Chancen anderen Geniefsens und Uns-Bewährens unaus-geschöpft lassen. Nicht nur in dem Aneinander-Vorübergehen derMenschen, ihrem Auseinandergehen nach kurzer Berührung, ja in der

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