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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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gesehen haben, daraufhin erfolgen, dafs die Proportion zwischen der ein-zelnen Ware und dem augenblicklich ökonomisch wirksamen Gesamt-warenquantum unter bestimmten Modifikationen gleich ist derjenigenzwischen einer Geldsumme und dem augenblicklich ökonomisch wirk-samen Gesamtgeldquantum; dafs die Nenner dieser Brüche nur praktisch,aber nicht bewufst wirksam sind, da nicht sie, sondern nur die wechseln-den Zähler von realem, den wirklichen Verkehr bestimmendem Interessesind; und dafs deshalb in diesem Verkehr eine unmittelbare Gleichungzwischen der Ware und der Geldsumme stattzufinden scheint, die freilichauf einer ganz anderen Basis ruht, als die primäre Gleichung zwischendem Objekt und dem Substanzwert des Geldes, welche letztere allmählichin jene übergeht. Wenn diese Entwicklung selbst zugegeben wird, sostehen doch jedenfalls die aus den betreffenden Gesamtwertsummen be-stehenden Faktoren zwischen äufserst schwankenden Grenzen, der in-stinktiv gewonnene Überschlag, in dem sie wirken, kann immer nur einsehr ungenauer sein. Vielleicht ist dies ein Grund, weshalb auf eineunmittelbare Wertausgleichung zwischen Waren und Geld nicht völligverzichtet werden kann. Das Stückchen eigenen, materialen Wertes, dasim Geld steckt, ist der Halt und die Ergänzung, deren wir bedürfen,wmil unsere Erkenntnis zu der genauen Bestimmung jener Proportionnicht ausreicht, bei der allerdings eine Wesensgleichheit zwischen demGemessenen und dem Mafse, d. h. ein Eigenwert des Geldes, sich er-übrigen würde. So lange aber empfunden wird und an der Praxis desWirtschaftens sich zeigt, dafs die dieses bedingende Proportion keine Ge-nauigkeit besitzen kann, bedarf das Messen noch einer gewissen quali-tativen Einheit des Wertmafsstabes mit den Werten selbst. Es ist viel-leicht nicht uninteressant, sich einen entsprechenden Fall aus derästhetischen Verwertung der Edelmetalle klar zu machen. Von derLondoner Ausstellung von 1851 berichtete ein Kenner über den Unter-schied englischer und indischer Gold- und Silberarbeiten: bei den eng-lischen scheine der Fabrikant sich bemüht zu haben, eine möglichst grolseMenge Metalls in ein Minimum von Formung hineinzupressen; bei denindischen aber sei »das Emaillieren, Tauschieren, Durchbrechen usw. sozur Anwendung gebracht, dals auf das geringst mögliche Metallquantumdie gröfstmögliche Menge vollendet geschickter Arbeit kommt«. Dennochist es für die ästhetische Bedeutung auch dieser letzteren sicher nichtgleichgültig, dafs das wenige Metall, in dem sich die Formen ausdrücken,eben doch Edelmetall ist. Auch hier ist die Form, d. h. das blolse Ver-hältnis der Substanzteile zueinander, über die Substanz und ihren Eigen-wert Herr geworden. Aber wenn das auch so weit getrieben werden