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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Die Doppelnatur des Geldes: zwar eine sehr konkrete und als solchegeschätzte Substanz zu sein und doch seinen Sinn nur in der völligenAuflösung in Bewegung und Funktion zu besitzen gründet sich da-rauf, dafs es nur in der Hypostasierung, gleichsam in der Fleisch-werdung einer reinen Funktion, des Tausches unter Menschen, besteht.

Die Entwicklungen des Geldstoffes bringen seinen soziologischenCharakter zu immer vollkommnerem Ausdruck. Die primitiven Tausch-mittel, wie Salz, Vieh, Tabak, Getreide, sind ihrer Verwendung nachvon dem reinen Individualinteresse bestimmt, solipsistisch, d. h. siewerden schliefslich von einem Einzelnen konsumiert, ohne dafs in diesemAugenblick andere noch ein Interesse daran hätten. Das Edelmetalldagegen weist durch seine Bedeutung als Schmuck auf die Beziehungzwischen den Individuen hin; man schmückt sich für Andere. DerSchmuck ist ein soziales Bedürfnis und die Edelmetalle eignen sich ebendurch ihren Glanz ganz besonders dazu, die Augen auf sich zu ziehen.Darum sind bestimmte Schmuckarten auch bestimmten sozialen PositionenVorbehalten; so war im mittelalterlichen Frankreich das Tragen vonGoldschmuck allen unter einem gewissen Range Stehenden verboten.Dadurch, dafs der Schmuck seine ganze Bedeutung in den psychologi-schen Vorgängen hat, die er aufserhalb seines Trägers in anderen erregt,unterscheidet sich das Edelmetall durchaus von jenen ursprünglicheren,sozusagen zentripetalen Tauschmitteln. Der Tausch als das reinstesoziologische Vorkommnis, d. h. als die vollständigste Wechselwirkung,findet den entsprechenden Träger in der Substanz des Schmuckes, deralle Bedeutung für seinen Besitzer nur mittelbar, nämlich als Beziehungzu anderen Menschen, aufweist.

Wenn diese Verkörperung der Tauschaktion in einem besonderenGebilde sich technisch so vollzieht, dafs jedes Objekt, statt unmittelbargegen ein anderes, zunächst gegen jenes eingetauscht wird, so ist nundie Frage: welches ist, näher angesehen, das dem entsprechende Ver-halten der hinter den Objekten stehenden Menschen? denn das ge-meinsame Verhalten zum Händler, so sehr es Ursache und Wirkungdes Geldverkehrs ist, konnte hierfür doch nur als Gleichnis dienen.Nun scheint es mir klar: das Fundament und der soziologische Trägerjenes Verhältnisses zwischen den Objekten und dem Gelde ist das Ver-hältnis der wirtschaftenden Individuen zu der Zentralmacht, die das Geldausgibt oder garantiert. Den Dienst, als absolute Zwischeninstanz überallen Einzelprodukten zu stehen, leistet das Geld erst, wenn die Prägunges über den blofsen Charakter als Metallquantum von naturalerenGeldarten nicht zu reden hinausgehoben hat. Jene Abstraktion des