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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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und Ordnung. Die Subjektivität dieses Vorganges ist gleichsam diehöhere Potenz derjenigen, die den Metallwert überhaupt schafft: wenndieser letztere schon vorausgesetzt ist, so wird er nun durch jenen zwei-seitigen Glauben erst für den Geldverkehr praktisch. Es zeigt sichdeshalb auch hier, dafs die Entwicklung vom Substanzgeld zum Kredit-geld weniger radikal ist, als es scheint, weil das Kreditgeld als Evolution,Verselbständigung, Herauslösung derjenigen Kreditmomente zu deutenist, die schon in dem Substanzgeld in entscheidender Weise vorhanden sind.

Die Garantie für die Weiterverwertbarkeit des Geldes, in der dasVerhältnis der Kontrahenten zu der Gesamtgruppe beschlossen ist, hatindes eine eigenartige Form. Abstrakt angesehen, ist sie nämlich garnicht vorhanden, da der Geldbesitzer niemanden zwingen kann, ihm fürGeld, selbst für das unzweifelhaft gute, etwas zu liefern; was sich dennauch in Fällen von Boykottierung durchaus fühlbar gemacht hat. Nurbei schon bestehenden Verpflichtungen kann der Berechtigte gezwungenwerden, die Verpflichtung, welcher Art sie auch sei, durch Geldsolvieren zu lassen und auch das nicht einmal in allen Gesetz-gebungen. Diese Möglichkeit, dafs der im Geld liegende Anspruch dochauch nicht erfüllt würde, bestätigt den Charakter des Geldes als einesblofsen Kredites; denn das ist doch das Wesen des Kredites, dafs derWahrscheinlichkeitsbruch seiner Realisierung niemals gleich eins wird,so sehr er sich dem auch nähern mag. Tatsächlich ist der Einzelnealso frei, sein Produkt oder seinen sonstigen Besitz dem Geldbesitzerhinzugeben oder nicht während die Gesamtheit allerdings diesemgegenüber verpflichtet ist. Diese Verteilung von Freiheit und Gebunden-heit, so paradox sie ist, dient doch nicht selten als Erkenntniskategorie.So haben z. B. Verteidiger der »statistischen Gesetze« behauptet, dieGesellschaft miifste zwar unter bestimmten Bedingungen naturgesetzlicheine bestimmte Anzahl von Morden, Diebstählen, unehelichen Geburtenhervorbringen; der Einzelne aber sei dadurch nicht zu einem bezüg-lichen Verhalten genötigt, er vielmehr sei frei, moralisch oder unmoralischzu handeln; das statistische Gesetz bestimme nicht, dafs gerade dieserBestimmte derartige Taten zu vollbringen habe, sondern nur, dafs dasGanze, dem er angehört, ein prädestiniertes Quantum derselben produzierenmüsse. Oder wir hören auch: die Gesamtheit der Gesellschaft oder derGattung habe ihre festgesetzte Rolle in dem göttlichen Weltplan, in derEntwicklung des Seins zu den letzten transszendenten Zwecken zu spielen;die einzelnen Träger derselben aber seien irrelevant, sie hätten die Frei-heit , gleichsam die Gesamtleistung unter sich zu verteilen, und derEinzelne könne sich dem auch entziehen, ohne dafs jener Gesamtleistung