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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Abbruch geschehe. Endlich ist hervorgehoben, dals die Aktionen einerGruppe immer durch den naturgesetzlichen Zug ihrer Interessenschwankungslos bestimmt seien, wie die Materienmassen durch dieGravitation; das Individuum dagegen sei von Theorien und Konfliktenbeirrt, es stehe zwischen vielen Möglichkeiten, unter denen es richtigoder irrtümlich wählen könne im Unterschiede von den jeder Freiheitentbehrenden, weil von schwankungslosen Instinkten und Zweckmäfsig-keiten geleiteten Kollektivhandlungen. Wieviel richtiges und falschesan diesen Vorstellungen ist, steht hier nicht zur Untersuchung, sondernnur darauf ist hinzuweisen, wie auch sonst dieses Schema eines Ver-hältnisses zwischen Allgemeinheit und Individuum gilt: jene als nezes-sitiert und dieses als frei vorzustellen, die Gebundenheit jener durch dieFreiheit dieses zu mildern, die Freiheit dieses durch die Gebundenheitjener zu begrenzen und in eine Bestimmtheit des Gesamterfolges ein-zustellen. Die Garantie für die Weiterverwertbarkeit des Geldes, dieder Herrscher oder Vertreter der Gesamtheit durch die Prägung desMetallstücks oder den Aufdruck auf das Papier übernimmt, ist dieEskomptierung der ungeheuren Wahrscheinlichkeit, dafs jeder Einzelne,trotz seiner Freiheit das Geld zurückzuweisen, es nehmen wird.

Dies sind die Zusammenhänge, aus denen heraus bemerkt wordenist, dafs, je gröfser ein Kreis ist, in dem ein Geld gelten soll, dieWährung um so höherwertig sein mufs. Innerhalb einer Gruppe vonlokaler Begrenztheit mag ein minderwertiges Geld zirkulieren. Soschon in der primitivsten Kultur: in Darfur zirkulieren innerhalb jedesDistrikts lokale Tauschmittel: Hacken, Tabak, Baumwollknäule usw.;die höhere Währung aber ist allen gemeinsam: der Bekleidungsstoff,das Rind, der Sklave. Es kommt vor, dafs das Papiergeld eines Staatessogar provinziell beschränkt ist: in der Türkei wurden 1853 Noten aus-gegeben, die nur in Konstantinopel gelten sollten. Ganz kleine und engliierte Gesellschaften verständigen sich gelegentlich darüber, irgend einbeliebiges Symbol bis zur Spielmarke als Geld anzusehen. Dierweiterung der Handelsbeziehungen aber verlangt hochwertiges Geld,schon weil die notwendigen Versendungen desselben auf weite Streckendie Konzentration seines Wertes auf einen möglichst geringen Umfangzweckmäfsig machen; so dafs ebenso die historischen Weltreiche wie dieHandelsstaaten mit weitausgreifenden Verkehrskreisen immer zu einemGeld von relativ hohem Substanzwert hingedrängt worden sind. Hierfürwird von gewissen Erscheinungen auch der Beweis aus dem Gegenteilgeliefert. Der wesentliche Vorteil der mittelalterlichen Münzprivilegienbestand darin, dafs der Münzherr in seinem Gebiete jederzeit neue